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Finnisch für Anfänger mit der NZZ

March 11th, 2010

(reload vom 4.7.07)

  • Kein Hubschrauber sondern ein Helikopter
  • Aus der NZZ, dem ehrwürdigen Flaggschiff im Kampf zur Erhaltung der wahren helvetischen Sprache, haben wir viele interessante Schweizer Varianten gelernt in den letzten Jahren. Im Mutterhaus in der Falkenstrasse unweit vom Bellevue in Zürich wird streng darauf geachtet, dass kein „Hubschrauber“ die Redaktion verlässt, sondern nur ein „Helikopter“, dass niemand ins „Krankenhaus“ sondern ausschliesslich ins „Spital“ kommt, und dass die Bücher für den Leseabend nicht aus der „Bücherei“ sondern aus einer „Bibliothek“ ausgeliehen werden.

  • Gring aahii u secklä
  • In der Ausgabe vom 28.12.06 überraschte uns die NZZ nun in einer Glosse über Billigtickets der schweizerischen SWISS unter dem Titel „Ettikettenschwindel“ mit einem waschechten Finnisch-Kurs. Wir lasen:
    Gring aahii u secklä

    Lektion Nummer 1: Nicht immer ist drin, was draufsteht.
    Lektion Nummer 2: „Gring aahii u secklä“, denn der Flug wartet nicht. Immerhin warnt die Homepage von Blue1, dem finnischen Billigflieger, davor, zeitlich knapp am Flughafen zu sein.
    (Quelle NZZ 28.12.06, S. 9)

  • Finnisch hat viel Doppelvokale
  • Das muss Finnisch sein. Ist ja auch ein finnischer Billigflieger, der hat für Übersetzungen keine Zeit und erst recht kein Geld. Typisch und leicht erkennbar im Finnischen sind die gedoppelten Vokale wie in „aahii“ und die Konjunktion „u“.
    Finnisch erfreut sich in der Schweiz grosser Beliebtheit, wie die folgenden Beispiele beweisen. Nur mit der Schreibung scheinen sich die Schweizer Finnisch-Fans nicht immer ganz einig zu sein. Oder sind das etwas finnische Dialekte, die hier unterschiedlich verschriftet werden? Mal heisst es „abä“, mal „aahii“, mal „abe“ oder achä.

    Gring abe
    Gefunden haben wir dies via Internet in der “Jungfrau-Zeitung”, das Blatt für die unverheiratete Schweizer Frau.
    (Quelle:jungfrau-zeitung.ch)

    Oder hier:
    Gring achä
    (Quelle toscatours.ch)

    Schliesslich hier:
    Gring abä
    (Quelle complex-change.com)

    So weit, so gut. Nur leider ist das doch kein Finnisch, sondern ein geflügeltes Wort in der Schweiz, dass es sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht hat:

    Gring ache u seckle
    Nach dem Gewinn der Bronzemedaille an der Weltmeisterschaft 1997 beantwortete Weyermann die Frage, was sie während des Endspurts des Laufs gedacht hatte, mit den berndeutschen Worten Gring ache u seckle, auf deutsch Kopf runter und rennen. Der Ausspruch entwickelte sich in der Schweiz schnell zum geflügeltem Wort, als Synonym für durchbeissen.
    (Quelle: Anita Weyermann auf Wikipedia)

  • Die Menschen in Greng hatten dicke Köpfe
  • Zum Wörtchen „Gring“ oder „Greng“ gibt es ebenfalls ein paar wilde Theorien, die die Herkunft erläutern sollen. Naheliegend scheint uns die Herkunft vom kleinen Namen des Ortes „Greng“, der im Kanton Fribourg, liegt:

    Die Entstehung des Wortes Gring kann nicht genau zurückverfolgt werden. Es lässt sich allerdings vermuten, dass diese Bezeichnung vor etwa 100 Jahren entstanden ist. Ausserdem könnten die Bewohner des freiburgischen Dorfes Greng (Schweiz) Greng genannt worden sein. Daraus könnte sich später im bernischen Dialekt das Wort Gring entwickelt haben.
    (Quelle: Wikipedia)

    Uns erinnert das Wort an „Grind“, zu dem Grimms Wörterbuch meint:

    GRIND, m.
    Sand, Schorf, Kopf; die Bedeutungen 1 u. 2 gehören zweifellos zusammen (…)

    Bei Grimm fanden wir auch ein mögliche Erklärung, wie das Dorf Greng (am Südufer des Murtener Sees gelegen) zu seinem Namen gekommen sein mag:

    GRINDEL, m.
    ein Pfahl, ein Baum von mittler Stärke
    Campe s. v. grendel; grendel paxillus
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Pfahlbauten am Seeufer waren in stürmischen Zeiten äusserst beliebt und halfen gegen nasse Füsse genauso wie gegen unerwünschte Besucher.

    Wikipedia erwähnt zwar die Pfahlbauten in Greng, führt aber den Namen auf „Grangia“ = Scheune zurück:

    An den Ufern des Murtensees wurden Spuren von Pfahlbauten aus dem Neolithikum gefunden. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes erfolgte 1314 unter dem Namen Gruein; 1349 erschienen die Bezeichnungen Gruent und Grangiis (von lat. grangia (Scheune) abgeleitet).
    (Quelle: Wikipedia)

  • Daheim im Blätzlidechi-Land
  • Die Gegend südlich des Neuenburger Sees heisst zwar “Seeland“, ich würde es aber passender als als “Flickenteppich-Land” bezeichnen. Die Schweizer würden “Blätzlidechi” dazu sagen. In keiner anderen Gegend der Schweiz verlaufen die Kantonsgrenzen so chaotisch, gibt es soviele “Kantonsinseln” wie hier. Die Schweizer sprechen von “Enklaven“:
    Fleckenteppich-Land
    Wenn man dort mit dem Velo, Bike oder Fahrrad unterwegs ist, überquert man praktisch alle paar hundert Meter eine Kantonsgrenze. Der Kanton Vaud, Fribourg, Neuchâtel und Bern hatten in der Vergangenheit sicherlich ziemliche Mühe, sich auf eine einheitliche Grenzziehung zu einigen. Wir stellen uns vor, was das für die Schulkinder dort bedeutet, die von Dorf zu Dorf andere Ferien haben. Wie das mit den Behördengängen abläuft oder Bewilligungen, wenn z. B. ein Hof auf einer Kantonsgrenze liegt. Erschwerend kommt hinzu, dass quer durch dieses Gebiet auch noch der Röstigraben mit der Sprachgrenze verläuft.

    Gute Büezer müssen nicht büssen — Von Malochern, Bosselern und andern Menschen

    February 24th, 2010

    (reload vom 12.12.06)

  • Gute Büezer müssen nicht büssen
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 25.11.06 auf Seite 5:

    „Bis Ende der 80er-Jahre wusste in der Schweiz kaum jemand, dass es Kosovo-Albanien gibt“, sagt Ueli Leuenberger, grüner Nationalrat aus Genf und Migrationsfachmann. Die Albaner galten als gute Büezer, waren ruhig und machten keine Probleme.

    Gute Büezer

    Moment bitte, für was mussten sie dann eigentlich büssen? Oder haben wir hier erneut einen bedeutungsunterscheidenden Diphthong übersehen. Hat Büezer mit Büsser gar nichts zu tun?

    Der „Büezer“ findet sich bei Google-Schweiz 24.000 Mal. Er findet sich in der NZZ:

    Das Komitee, das sich als Anwalt der einfachen Büezer versteht,
    (Quelle NZZ 9.7.05)

    genauso wie im Tages-Anzeiger:

    Ihre Initiative ist sicher toll. Aber was konkret bringt mir kleinem Büezer diese Initiative?
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 21.11.06)

    Unser Variantenwörterbuch kennt neben dem Büezer natürlich auch die Büezerin:

    Büezer, Büezerin CH, der: -s, -bzw, die; - , -nen (Grenzfall des Standards): HACKLER A-ost, MALOCHER D-mittelwest „Arbeiter(in)“: Unfrohe Kunde kurz vor Weihnachten für 700 Büezer in Pratteln. Ihre Fabrik soll anscheinend geschlossen werden (Blick 12.11.99,1)

    Die „Büez“ wird auch als „der Krampf“ (oder “Chrampf”, zur Unterscheidung vom Waden-Krampf) bezeichnet, während in D-mittelwest „Maloche“ für anstrengende Arbeit oder Schufterei gebräuchlich ist. Das Schweizer Wörterbuch von Kurt Meyer kennzeichnet „Büez“ interessanter Weise als „mundartl., salopp“ und bringt die Schreibweise mit „t“ in einem Zitat aus der Nationalen-Zeitung vom 5./6.10.68:

    So nebenbei hatte das Personal der Waldenburgerbahn in siebenjähriger Büetz [!] von Grund auf einen Wagen gebastelt“.

    Das eingefügte Ausrufezeichen soll andeuten, dass auch Kurt Meyer geschockt war über diese Schreibweise. Aber bitte schön, die richtige Verschriftung eines Schweizerdeutschen Wortes ist doch immer noch die Sache des Schreibers! Er entscheidet, ob mit oder ohne “t“, ob mit einem oder zwei “ü“, ob mit oder ohne “e” hinter dem Umlaut. Wer will sich denn da gleich echauffieren! Das müssen wir ganz entspannt und gelassen sehen, solange es kein Deutscher ist, der dort versucht “Büez” zu schreiben…

  • Hugo Boss war kein Chef
  • Der bekannte schwäbische Herrenmodenhersteller Hugo Boss, mit Sitz in Metzingen, hat sich diesen Namen nicht ausgesucht, weil er gern auch im anglo-amerikanischen Markt seine Anzüge mit „Chef-Image“ verkaufen wollte. Nein, das „Boss“ in seinem Namen stammt vom schwäbischen Wort „Bosseler“ = Arbeiter. Bosseln ist im Schwäbischen eine Variante für „arbeiten, handwerken“ und hat nichts mit einem „big boss“ zu tun.

    Grimms Wörterbuch sagt dazu:

    uf den ganzen menschen, so von leib und seel, von gar zwo widerwertigen naturn ist zusamen gbosselt. FRANK spr. 2, 121b; sonntags nach dem gottesdienst, ja da posselt man so was kleines für sich selbst zurecht. FR. MÜLLER 3, 113; doch was soll dichtung, scene, idylle? musz es denn immer gebosselt sein, wenn wir theil an einer naturerscheinung nehmen sollen? GÖTHE 16, 21; der held deiner posttage, sagt er, ist ein wenig nach dir selber gebosselt. J. P. Hesp. 4, 166; die theatermaske, die ich in meinen werken vorhabe, ist nicht die maske der griechischen komödianten, die nach dem gesicht des gespotteten individuums gebosselt. war. Tit. 1, 72. diese bedeutung mahnt auch an bosse, entwurf, larve, bossieren. SCHM. 1, 298 hat posseln, posteln, pöseln, pöscheln, kleine arbeiten verrichten. posteln (vgl. nachher bosten, bosteln) erinnert an basteln
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Ganz entfernt findet sich also ein Spur von „bosseln“ noch in „basteln“, wie es nun zur Weihnachtszeit so beliebt ist und immer in gleich in Arbeit ausartet. “Bosser” ist in Frankreich auch ein Wort für “arbeiten“, ob es vielleicht von Napoleons Truppen im Schwabenland zurückgelassen wurde?

    So bosseln die Bosseler und chrampfen die Büezer und malochen die Malocher, und jeder auf seine Art. Ist es nicht wundervoll, wie viele Wörter es für anstrengende Tätigkeiten gibt?

    Das Züri-Slängikon verzeichnet 28 Begriffe für „arbeiten“:

    aaschaffe, ackere, ad Seck gah, Batzeli verdiene, bügle, chnuppere, chnüttle, chrampfe, chrämpferle, chrüpple, d Stämpel-Uhr beschäftige, Freiziit vergüüde, grüble, hacke, i d Hose stiige, in Bou gah, in Bunker gah, in Stolle gah, maloche, noddere, pickle, Raboti mache (Anlehnung ans Russische), rackere, robottere, rüttle, s Bättle versuume (zu wenig verdienen), schufte, tängle, wörke (von engl. to work)
    (Quelle: Slängikon)

    Sogar die Malocher aus dem Kohlenpott haben es sprachlich bis nach Zürich geschafft! Na dann: „Glück auf“.

    Schlötterlinge können nicht weinen — Hängen Sie auch manchmal einen Schlötterling an?

    January 28th, 2010

    (reload vom 20.11.06)

  • Neues aus der Schweizer Dichtung
  • Wir wurden von einer Übersetzerin gefragt, was denn bitte schön ein „Schlötterling“ sei. Wir waren sprachlos. Ob das eine fantasievolle Wortkreuzung aus Schlottern und „Schmetterling“ sein kann?

    Sie hatte das Wort aus einem Werk des Schweizer Dichters Jürg Amann:

    “Da wir schon einmal bei den Frauen waren, ging ich einen Schritt weiter, durchaus in der Erwartung (…) eines Walserschen Donnerwetters oder Schlötterlings, und fragte (…)”
    (Quelle: Amann, Verirren 116)

    Es muss etwas Unangenehmes sein. Und wirklich, die Erklärung findet sich in Kurt Meyers Schweizer Wörterbuch:

    Schlötterling, der; -s, -e (mundartnah) eine anzügliche Bemerkung, ein derbes Spottwort.

    Sogar ein Zitat aus der NZZ wird dort genannt:

    Will man unter Demokratie das Recht verstehen, jedem Beliebigen an der Landsgemeinde Schlötterlinge anzuhängen, dann ist das … ein arger Missbrauch (NZZ 1965, Nr. 1804)
    (Quelle: Schweizer Wörterbuch, S. 227)

  • Schlötterlinge in der Poesie
  • Auch in Carl Splitters Gedicht „Olympischer Frühling“ findet sich dieser Ausdruck:

    Und wippten trotzig mit dem Strauß von Haselnuß,
    Denn, ohne wen zu ärgern – nicht wahr? – kein Genuß.
    War niemand, der im Abendrote sich erging,
    Der keinen Anwurf oder Schlötterling empfing.
    (Quelle: Projekt Gutenberg)

  • Schlötterlig ohne n
  • Im gesprochenen Dialekt verliert der Schlötterling leicht sein “n” und mutiert zum “Schlötterlig“. Wir befragten eine ausgewiesene Kapazität des Schweizerdeutschen zu diesem Wort. Hier die Stellungnahme:

    Är het mer e Schlötterlig aaghänkt!“ heisst frei übersetzt: „Er hat mir ,Brehms Tierleben nachgeworfen‘“ oder „er hat mich mit einem Schimpfwort bedacht“. Meistens wird „Schlötterlig“ mit „anhängen“ benützt. Wenn die Konfrontation lange gedauert hat, „het är mir e ganze Cheib vou Schlötterlige aaghänkt“.„Einen Cheib voll“ = einen Haufen.
    (Quelle: private E-Mail)

    Wir wussten nicht, dass man “Brehms Tierleben” auch gut werfen kann und werden uns gleich nächstens ein paar Exemplare antiquarisch besorgen um damit Ziel- und Weitwurf zu üben.

  • Schlötterling hat was mit Schnoddernase zu tun
  • Laut unserer Lieblingsquelle “Grimms Wörterbuch” hat das Wort “Schlötterling” etwas mit dem Schnupfen an der Nase zu tun:

    SCHLÖTTERLING, m. schweiz. im sinne von herabhängender rotz STALDER 2, 331, vgl. schlemperling sp. 628, schlenkerer, schlenkerling sp. 636; die redensart einem einen schlötterling anhenken (STALDER a. a. o., SCHM. 2, 537) zeigt, dasz schlötterling die bedeutung von schlötterlein annahm; vgl. noch HUNZIKER 224. SEILER 256a.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

  • Schlötterling on Ice
  • Auf 10 vor 10 wurde sogar der Begriff in einem Beitrag im Zusammenhang mit den Beschimpfungen von Eishockeyspielern auf dem Spielfeld erwähnt:

    Viele Spieler der Schweizer Eishockey-Meisterschaft begeben sich verbal aufs Glatteis. Wie Müll werfen sie dem Gegner wüste Worte an den Kopf, um ihn zu verunsichern. Trashtalk nennt man das im amerikanischen Eishockey. Schlötterling on Ice.
    (Quelle: 10 vor 10 vom 22.03.05)

    Falls wir in Zukunft mal ein Problem haben, werden wir nur noch mit Schlötterlinge um uns werfen bzw. diese anderen anhängen. Denn Sie wissen ja: Schlötterlinge können nicht weinen! Das ist so wahr wie “Dänen lügen nicht”.

    Gegen ist in jeder Gegend was anderes — Vom Gegenmehr und Gegenbericht

    January 25th, 2010

    (reload vom 15.11.06)

  • Was steht “gegen 9000 Leute”
  • Wir haben schon häufiger an dieser Stelle die Wichtigkeit des Satzanfanges in der Schweizer Schriftsprachenvariante erläutert. Zu unseren absoluten Lieblingsformulierungen gehören das immer wieder kehrende „für einmal“, oder die in jedem dritten Artikel des Tages-Anzeigers verwendete „Bereits ist es geschehen“ Formulierung am Satzanfang. Jetzt sind wir über ein weiteres Wörtchen aus dieser Kategorie gestolpert.

  • Was heisst eigentlich „gegen“?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 11.11.06 in einem Artikel von Marlène Schnieper aus Jerusalem:
    Gegen 9000 Leute versammelten sich am Freitag auf dem Campus der Hebräischen Universität in Jerusalem“.

    Gegen 9000 Leute
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 11.11.06.)

    Verunsichert, ob uns hier nicht unser eigenes Sprachgefühl erneut einen Streich spielt und wir einem stinknormales Standardwort aufgesessen sind, befragten wir den Duden:

    gegen: (bei Zahlenangaben) der angegebenen Anzahl od. Menge wahrscheinlich sehr nahe kommend; ungefähr: es waren gegen 100 Leute anwesend.

    Kein „Schweiz.“? Nicht mal ein klitzekleines „südd.“ oder „österr.“? Also schauten wir ins Synonymwörterbuch:

    circa, [in] etwa, rund, um, ungefähr, vielleicht, wohl; (österr.): beiläufig; (bildungsspr.): präterpropter; (ugs.): Pi mal Daumen/Schnauze, schätzungsweise, so, über den Daumen gepeilt, um … herum.

    „Präterpropter“ kannte ich nicht für „Pi mal Daumen“. Klingt proper. Was man auf Latein nicht alles schön umständlich ausdrücken kann. Dort steht auch ein kleines „österr.“! Aber vielleicht hilft uns direkt die Google-Suche weiter. Wir probieren in Google-CH und in Google-DE verschiedene Varianten von „Gegen 1000/2000/3000/4000 Leute“. Und tatsächlich bestätigt sich unser Anfangsverdacht. Alle Spuren der Verwendung von „gegen“ im Sinne von „circa, ungefähr“ führen in die Schweiz. Beispiel „gegen 1000 Leute“ (Google-Schweiz) 1´480 Funde:

    Beispiele:

    Gegen 1000 Leute haben dem Spektakel beigewohnt. Sie haben fantastische Leistungen der Sportler gesehen.
    (Quelle: race-inn.ch)

    Böse Zungen behaupteten, dass sich die Einladung an alle richtete, die ADSL buchstabieren können - so drängten sich denn auch gegen 1000 Leute um die Buffets und Bars.
    (Quelle: Blogg.ch)

    Funde in Deutschland belegen „gegen“ nur im Sinne „als Gegner“. Persönliches würde ich „gegen“ mit Zeitangaben verwenden: „Gegen drei Uhr bin ich bei Dir“, aber bei der Formulierung „gegen 1000 Leute“ doch an ein massives Polizeiaufgebot denken, dass sich da gegen eine Menschenmenge stellt.

    Oder bin ich da zu empfindlich? Ich finde die Formulierung „gegen plus Zahl“ nicht schlecht oder niedlich oder sonst wie komisch. Sie ist mir einfach nur aufgefallen. Aber vielleicht fange ich wirklich langsam an mit ungesunder sprachlicher Haarspalterei, je länger wir in der Schweiz leben.

  • Vom Gegenmehr und vom Gegenbericht
  • Die Schweizer verwenden „Gegen“ sonst noch in Kombination mit dem „Mehr“ als „Gegenmehr“, den „Gegenstimmen in einer offenen Abstimmung“ (Variantenwörterbuch S. 280) und im „Gegenbericht“. Den lernt man in der Schweiz kennen, sobald man seinen ersten Kontoauszug von der Bank zugeschickt bekommt. Denn die freundlichen Menschen von der Bank hätten dann gern so einen „Gegenbericht“. Sie sollten sich dann allerdings hüten, ihrer Bank einen ausführlichen Bericht aus ihrer Gegend zu schicken. Oder ihrerseits berichten, was sie alles so dagegen einzuwenden haben. Es sei denn, es bezieht sich auf die Kontoauszüge. Ein „Gegenbericht“ ist eine „Rückmeldung“:

    „Ohne Ihren umgehenden Gegenbericht werden wir uns erlauben, Ihnen ein ganzes Dutzend zu liefern“ (Rutishauser, Geschäftsbriefe 80)
    (Zitiert nach Variantenwörterbuch S. 280)

  • Lieber rechtzeitig gegenberichten
  • Solche Geschäftspraktiken sind selbstverständlich illegal, passieren aber häufig. Seit Monaten kriege ich eine Zeitschrift, für die ich im Sommer kurz ein Probeabonnement bestellt und bezahlt hatte. Ohne dies aktiv zu verlängern oder mich über die beabsichtigte Verlängerung zu informieren, kamen immer weitere Exemplare der Zeitschrift. Damit nicht demnächst noch eine Rechnung eintrifft, habe ich jetzt „Gegenbericht“ erstattet und die Abonnementsverwaltung darüber informiert, dass es sich hier um einen Irrtum handeln muss, ich nie etwas bestellt habe und darum bitte, die kostenlosen Zusendungen zwecks Kostendämpfung und Minderung meines Papiermüllaufkommens einzustellen. Mal sehen, ob die sich jetzt bei mir bedanken werden. Vielleicht mit einem weiteren Probe-Abo?

    Dort hingehen, wo es blaue Flecken gibt — gestossen voll

    January 8th, 2010

    (reload vom 1.11.06)

  • Wer sich stösst kriegt einen blauen Fleck
  • Wenn eine Lokalität in der Schweiz gut besucht wird, dann ist es dort voll. Sehr voll. So voll, dass man sich sogar den ein oder anderen schmerzhaften Stoss einfangen kann und sich fühlen darf, wie ein Eiswürfel im Martini von James Bond, welcher gerüttelt, aber nicht geschüttelt wird, und so im Glas herumgestossen wird. Dann spricht der Schweizer von „gestossen“ voll.
    Wir lasen in der Pendlerzeitung 20Minuten vom 23.10.06 auf Seite 3

    Der Laden war gestossen voll“

    1270 Mal fand wir „gestossen voll“ bei Google-CH, gegenüber nur 84 Mal bei Google-DE, wobei sich auch das ein oder andere „ich bin darauf gestossen. Voll gut find ich das“ darunter verirrte.
    Im Internet finden sich weitere Belege:

    Dazu folgende Szene: Der Saal ist gestossen voll. Aber ausgerechnet die Plätze neben dem sehbehinderten Ehepaar bleiben leer.
    (Quelle sbv-fsa.ch)

    Oder hier ein Beleg aus dem Zürcher Unterländer:

    Die Elternschule Bülach hat ins Forum Schwerzgrueb eingeladen. Der Raum ist gestossen voll.
    (Quelle: zuonline.ch)

  • Nicht stossend aber brechend
  • Was würde man in Deutschland sagen? Der Raum war „brechend voll“. Wird er gleich brechen? Oder muss er sich etwa „er-brechen“? „Brechend voll“ findet sich bei Google-DE 101.000 Mal , 100 Mal weniger bei Google-CH.

  • Wer bricht und wer stösst lieber?
  • Offensichtlich hat man Deutschland eher Angst, dass ein Saal, eine Kneipe, ein Zug oder eine sonstige beengte Räumlichkeit „bricht“, wenn sie „brechend voll“ ist, während man in der beengten Schweiz das „Anstoss erregende“ Wörtchen „stossend“ auch kombiniert mit „voll“ als Beschreibung für beengte Verhältnisse verwenden kann.

  • Stossen wir an darauf oder „dringe ma eima“? Alla guot.
  • Die „Lallers, vom Leben und Sterben einer badischen Familie,“ war eine SWR3-Comedy-Serie aus dem tiefsten Schwarwald, und die Familienmitglieder vereinten sich stets am Ende einer Folge zum „Anstossen“ mit dem Ruf „Dringe ma eima? Alla Guat!“. Original Radio-Comix auf Badisch-Alemannisch mit den Lallers gibt es hier zu hören.