Wer will schon in den Europa-Park? Die Rhätische Bahn ist besser als Achterbahnfahren

January 14th, 2011

(reload vom 17.4.07)

  • Wie lange gilt Ihr Halbtax-Abo?
  • Die Schweizer lieben ihr Eisenbahnnetz. Fast jeder besitzt ein Halbtax-Abonnement, mit dem man zwar nicht billig halbe Taxis fahren oder die Kur-Taxe auf die Hälfte drücken kann, dafür aber nur die Hälfte zahlt, wenn man mit dem Zug fährt. Bei zugezogenen Deutschen lässt sich die Zuneigung zur Schweiz und der echte Wille zum Verweilen leicht daran ablesen, ob sie sich nach einiger Zeit der Eingewöhnung schliesslich ein 1-Jahres, 2-Jahres oder sogar ein 3-Jahres- Halbtax-Abo zugelegt haben oder nicht. Je länger das Abo gilt, desto mehr kostet es zwar in der Anschaffung, desto billiger wird es gleichzeitig - über den Zeitraum gerechnet - damit zu fahren, und desto sicherer muss man sich dann auch sein, hier in der Schweiz zu bleiben und diese Verbilligung gut auszunutzen.

  • Mit dem GA täglich von Basel nach Zürich (und zurück!)
  • Ganz vom Hierbleiben Überzeugte schaffen ihr Auto ab und gönnen sich ein „GA“ = General-Abonnement, eine Netzkarte für die ganze Schweiz. Ab 60 Minuten Bahn-Pendelzeit jeden Tag ist das in der Regel die günstigere Variante. Die vielen Zürich-Fans, die täglich aus Basel anreisen um ihre Traumstadt zwecks Arbeit oder Studium an der ETH zu besuchen, haben oft so ein GA, doch bei ihnen stehen die Buchstaben für „G-leich A-bdampfen“, wenn das Tagwerk erledigt oder das letzte Seminar vorbei ist. (Zur ewigen Freundschaft zwischen Basel und Zürich siehe hier).

  • In Chur ist das Ende der SBB
  • An einem Ferientag im Sommer fuhren wir früh mit dem Direktzug von Bülach nach Chur. Dort in Chur ist das Normalspur Streckennetz der Schweizer Bundesbahn SBB zu Ende. Alle Fernzüge enden hier. Wer weiter will, muss auf die „Rhätische Bahn“ wechseln, die auf einer anderen Spurweite fährt. Zum Beispiel direkt ab Bahnhofsvorplatz, quer durch die Churer Innenstadt auf der Strasse wie eine Strassenbahn, hoch ins Ski- und Wanderparadis Arosa:

    Die ChA-Strecke beginnt auf dem Churer Bahnhofplatz und ist auf Stadtgebiet als Strassenbahn trassiert. Danach verläuft das Trasse, über viele Kunstbauten, weitgehend zum parallel verlaufenden Flusslauf. Das imposanteste Bauwerk ist das Langwieser Viadukt bei Langwies. Für die knapp 26 Kilometer lange Strecke benötigt die Bahn rund eine Stunde und erreicht dabei ein Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h. Bedient wird die Strecke von Chur nach Arosa im Stundentakt.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Bauen Künstler die Kunstbauten?
  • Kunstbauten” heissen die Bauwerke nicht, weil hier besonders viel “Kunst am Bau” zu sehen ist, sondern weil es eine Kunst ist, diese Dinger zu bauen. “Kunstbauten” nennen Ingenieure in der Schweiz alle Bauwerke, die keine Toilette oder Lichtschalter haben. In der Regel sind das Brücken und Tunnel (in denen das Licht auch am Tag angeschaltet bleibt).

    Welche Achterbahn ist schon 62 Meter hoch?
    Langwieser Viadukt
    (Quelle Foto: Wikipedia)

  • Bewegung, Dunkel und Nass — die drei Elemente des Europa-Parks
  • Die zahlreichen Tunnel und spektakulären Viadukte auf dieser Strecke von Chur nach Arosa erzeugen bei den Fahrgästen einen gleichwertigen Nervenkitzel wie eine Achterbahnfahrt im Europa-Park bei Rust. Während des Studiums hatte ich dort einen studentischen Hilfsjob. Wir befragten die Besucher woher sie kamen, was ihnen besonders gefiel etc. Ein Mitarbeiter des erfolgreichen Themenparks erklärt mir damals das Grundprinzip der Fahrattraktionen. Es gibt nur drei Elemente, die man miteinander kombinieren kann: Bewegung, Dunkel und Nass.

    Im halboffenen Bahnwagen der Rhätischen Bahn von Chur nach Arosa sind die Sinneseindrücke sehr ähnlich, die Elemente „Bewegung“ und „Dunkel“, mit denen in Rust geschickt operiert wird, sind vorhanden. Das fehlende dritte Element „Nass“ kann man sich leicht selbst verschaffen, wenn man die Strecke im Regen antritt oder im Hochsommer ab und zu eine Wasserflasche über die Köpfe der mitreisenden Fahrgäste ausleert. Am besten im Tunnel, dann sieht es keiner und die Kombination „Dunkel&Nass“ ist gelungen, wie bei der Wildwasserbahn. Arosa selbst ist übrigens berühmt für die zahlreichen handzahmen Eichhörnchen, die dort speziell für die vielen Sommer- und Wintertouristen abgerichtet und freigelassen wurden. Vorsicht, es handelt sich hier um lebendige Tiere, und nicht um ausgestopfte und animierte Attrappen wie im Europa-Park.

  • Alle Züge fahren ab Chur
  • Wer von Chur hingegen zurück nach Zürich oder in die übrige Schweiz auf der “Normalspur” reisen möchte, kann ruhig 10-15 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof auftauchen, denn die abgehenden Züge der SBB sind meistens bereits dort und warten. Wo sollten sie auch sonst hin?

    (zweiter Teil morgen: „Durch die Surselva“)

    Wenn die Schweizer den Rauch reinlassen — Bächteln in Bülach

    January 2nd, 2011

    (reload vom 2.1.06)

  • Bächtelis kommt nicht von bechern
  • Heute feiern die Bülacher im Zürcher Unterland „Bächtelis“ mit „Bächtelswurst“ und „Bächtelsweggen“. Nun gibt es zwar einige Bäche, die durch Bülach fliessen und die gelegentlich im Sommer bei einer „Bachputzete“ gereinigt werden, aber in die Bäche von Bülach steigt heute niemand. Klanglich ist das Wort „bächteln“ eher mit dem Wort „bechern“ verwandt. In Bülach ziehen beim Bächteln Musikgruppen von Kneipe zu Kneipe und spielen auf, ähnlich wie man das von den Fasnachtcliquen in Bern oder Basel kennt, und dabei wird natürlich ordentlich gebechert. Hier das Programm für den heutigen Tag:

    Bächtelen in Bülach

  • Berthold von Zähringen kann nichts dafür
  • Es gibt wenige Tage im Jahr, an denen man sich als Deutscher in der Schweiz darüber von Herzen freut, nicht mehr im grossen Kanton zu leben, sondern von den echt Schweizerischen Feiertagen zu profitieren. Dazu zählen neben dem 1. August natürlich der verlängerte Start ins neue Jahr mit dem „Berchtoldstag“ am 2. Januar. Aber wie heisst er eigentlich richtig? Kaum ein Feiertag bringt es auf eine so stattliche Anzahl von Namen: Bechtelstag, Bechtle, Bechtelistag, Berchtelistag, Bächtelistag, Bärzelistag.

    Der Name Berchtold erinnerte uns zunächst an das alte Geschlecht der Zähringer, denn „Bertold von Zähringen“ gründete bekanntlich neben Bern, Thun, Murten und Fribourg auch Freiburg im Breisgau, unseren letzten Wohnort in Deutschland. Nur hatte der kein „ch“ im Namen und einen heiligen „Berchtold“ gibt es auch nicht im Kalender.

  • Frau Holle und die wilde Perchta
  • Der Berchtoldstag hat einen heidnischen Ursprung und geht auf die altgermanische Dämonin „Perchta“ hin, die es bis in die Märchen der Gebrüder Grimm als Frau Holle geschafft hat. Bächtele, Berchten bedeutet „heischen, verkleidet umgehen und schmausen”; man glaubt, dass die Perchta, eine altgermanische Dämonin war, die zu Wotans Wildem Heer gehörte, mit diesem in den “Zwölf Nächten” oder “Rauhnächten”, den dunkelsten des Jahres, ihr Unwesen trieb. In vielen Bräuchen hat sich ihr Andenken erhalten, wenn sie z. B. beim „Perchtenlauf“ nachahmend gebannt wird. Schrecklich vermummte Gestalten toben durch die Nacht und müssen mit Gaben, die sie einfordern, besänftigt werden. So ziehen im aargauischen Hallwil und in anderen Ortschaften der Schweiz an diesem Tag die „Bärzelibuebe“ als schaurige Maskengestalten durchs Dorf. Auch der bis vor kurzem allgemein lautstark und mit zerstörerischem Schabernack gefeierte Schulsilvester ist davon ein Abbild.

  • Die rauen Nächten sind rauchig
  • Der Berchtoldstag findet mitten in den Rauhnächten statt, heisst es. Ob das besonders kalte und raue Nächte sind? Nein, es kommt vom „Rauch“, vom „Weihrauch“, mit dem man im Mittelalter die bösen Geister zu vertreiben suchte. „Den Rauch reinlassen“ sagt man heute noch, wenn man das Böse vertreiben möchte. So berichtet eine andere Quelle:

    „Unter den 12 Rauhnächten verstand man die Zeit zwischen dem 24. Dezember und den 6. Jänner. Sie war charakterisiert durch eine besondere Andacht und Arbeitseinschränkung. Die Zeit galt als besonders heilig, gleichzeitig war es eine Zeit, in der vermehrt Bräuche stattfanden.“

  • Das kleine Rauchopfer und zu Aldi nach Jestetten
  • Heute wird nur noch ein “kleines Rauchopfer” gefeiert, wie es der Chinese im Roman “Briefe in die Chinesischen Vergangenheit” von Herbert Rosendörfer bezeichnet. Gemeint hat er damit allerdings das Abbrennen von Zigaretten.
    War dieser Tag im Kanton Zürich bis vor kurzem noch der traditionelle Ausflugstags zu Aldi nach Jestetten, um dort die schlechte Qualität der angebotenen Ware persönlich in Augenschein zu nehmen und auf dem Parkplatz endlich den Nachbarn zu treffen, den man so lange schon nicht mehr gesehen hat, so ist diese Sitte in 2007 aus der Mode gekommen, weil jetzt auch hier zahlreiche Einkaufszentren an diesem Tag geöffnet sind.

    Warum die Schweizer so anders sind — Neue Theorien über die Menschen aus den Bergen von Ursus und Nadeschkin

    August 23rd, 2010

    (reload vom 6.3.07)

  • Sprachkünstler in Deutschland unterwegs
  • Unsere Schweizer Lieblingskünstler, genauer gesagt „Sprachkünstler“, Clowns, Comedians, Artisten und Makramee-Spezialisten „Ursus & Nadeschkin“, die im wahren Leben Ursus Wehrli und Nadja Sieger heissen und niemals einzeln und unabhängig voneinander genannt werden dürfen (denn sonst gibt es postwendend Post von Nadja), tourten 2007 durch Deutschland mit der Hochdeutschen Fassung ihres Programmes „Weltrekord“ (aktuelle Termine siehe hier).

  • Doch manchmal voneinander isoliert
  • Isoliert tritt Nadja Sieger regelmässig bei der Schweizer Version von „Genial Daneben“ auf, und Ursus ist im Nebenberuf ein begnadeter „Kunstaufräumer“. Er hat schon zwei Werke zum kunstgerechten Aufräumen von Kunst herausgebracht. Echt aufgeräumt. So schrieb BR-Online über ihn:

    Wehrli verhilft Klassikern wie Klee, Picasso oder Jawlenski zu einer neuen Übersichtlichkeit und gestaltet sie Platz sparender und übersichtlicher. Die Ergebnisse können sich in Originalität und Ästhetik durchaus mit ihren “unordentlichen” Vorbildern messen und begeistern Kunstliebhaber wie Kunsthasser gleichermaßen - und diejenigen, die Kunst nicht nur ernst nehmen, sowieso.
    (Quelle: br-online)

    Ursus und Nadeschkin in Köln
    (Ursus und Nadeschkin, Foto von Geri Born)

  • Die Berge machen bescheiden
  • Während der Tournee führte Marianne Kolarik ein Gespräch mit Ihnen, das am 08.02.07 im Kölner Stadtanzeiger veröffentlicht wurde. Hier ein paar Auszüge daraus:

    KS: Sie kommen aus der Schweiz, einem, wie manche meinen, fremden Kulturkreis.
    URSUS: Deutschland und die Schweiz liegen so nah beieinander, aber man weiß wenig voneinander. Ein Deutscher fährt im Urlaub vielleicht in die Südschweiz, aber ein Schweizer geht nie nach Deutschland. Wieso auch?
    (Quelle für dieses und alle weiteren Zitate: ursusnadeschkin.ch)

    Mit der „Südschweiz“ meint Ursus das Tessin, welches der deutsche Normalo auf dem Weg zur billigen Küste in Italien möglichst rasch durchfährt, nicht ohne noch rasch die Ozonwerte im Levantino hochzuschrauben und bei der Durchfahrt durch den Kanton Uri zu hoffen, das ihm kein Felsen aufs Dach knallt.

    NADESCHKIN: Wenn Schweizer nach Berlin fahren, bleiben sie meistens da. Weil Deutschland und Italien so verschieden sind, glaubt man, dass die Schweiz weniger verschieden ist.

    Stimmt, uns fallen ganz spontan ein paar Schweizer ein, die in Berlin hängengeblieben sind oder zumindestens eine Zeit dort blieben. Neulich erzählte mir eine Schweizerin, wie laut sich Schweizer Touristen mitunter in der Berliner S-Bahn aufführen, lautstark auf breitestem Berndeutsch über die nächste Sehenswürdigkeit diskutierten, in totalen Gefühl der Sicherheit, sowieso von niemanden dort dabei verstanden werden zu können. Auch Thomas Bohrer und Roger Schawinski sind in Berlin, nach Ende ihrer Amtszeit bzw. Kündigung des Vertrags, hängengeblieben. Kennen Schweizer eigentlich auch Städte wie Frankfurt oder Stuttgart, Dortmund oder Bremen?

    KS: Worin besteht denn der Unterschied zwischen den Ländern?
    NADESCHKIN: Wenn der Schweizer ein Bier bestellt, sagt er: „Entschuldigung, ich hätte gerne ein Bier.“ Der Deutsche sagt: „Ich krieg’n Bier.“ Deutsche befehlen.
    URSUS: Deswegen haben es die Deutschen in der Schweiz nicht leicht, weil jeder denkt: „Was ist das denn für ein arrogantes Arschloch?“ Dabei meint der Deutsche das gar nicht so.

    Nee, der hat Durst, und darum sagt er das auch. Kurz und präzise und direkt. Der Keller wird nicht fürs Quatschen bezahlt, oder fürs Zuhören. Und die Bierchen sind auch gleich immer wieder leer, wenn man in Köln ist und aus Reagenzgläsern trinkt. Da ist Eile geboten beim Nachbestellen.

    NADESCHKIN: Die Schweiz ist nicht größer als Bayern und hat vier Sprachen. Wenn einer aus den Bergen rätoromanisch spricht, versteht er die Menschen in Zürich schon nicht. Es gibt immer hundert Ansichten, aber nie eine Einigung. Wir müssen immer erst einen Tunnel bauen und können nicht wie in Deutschland direkt losfahren. In der Schweiz muss man immer Umwege machen. Das ist symptomatisch für die Bevölkerung. Deswegen haben es Neuerungen viel schwerer als die alten Angewohnheiten.

    So wie die Aufbewahrung des Teppichklopfers im heimischen Kleiderschrank? Diese alte Gewohnheit darf nie abgeschafft werden, wir erinnern daran. Das mit den vier Sprachen in der Schweiz wussten wir auch noch nicht. Gemeint war doch jetzt bestimmt der Kanton Graubünden für sich, oder?

    KS: Was ist Eurer Meinung nach der Grund für die unterschiedlichen Temperamente?
    URSUS: Es ist erstaunlich, wie die Natur die Menschen beeinflusst. Die Mehrheit der Schweizer sehen einen Berg, wenn sie aus dem Haus treten.
    KS: Und zwar einen großen Berg.
    NADESCHKIN: Und ziemlich nah.
    URSUS: Sie sehen etwas, das größer ist als sie. Dagegen ist man machtlos. Da wird man kleiner, bescheidener, dankbarer.
    NADESCHKIN: Ein Berg ist ein Aufwand, etwas, was sich dir in den Weg stellt. Er nimmt dir den Horizont. Die Leute sind ängstlicher.

    Diese Theorie von der Umgebung, die einen Einfluss auf das Denken der Menschen hat, wurde im 19. Jahrhundert unter dem Namen „Positivismus“ in Frankreich ernsthaft erforscht:

    Der Positivist Hypolite Taine (…) sah die Erkenntnis, aber auch die schöpferische Tat des Künstlers von vier Faktoren bestimmt: Rasse, Milieu, Moment und spezifische Individualität (Genialität).
    (Quelle: weltchronik.de)

    Das ging im Detail soweit, dass laut Taine im nebeligen und regnerischen Deutschland nur triste Philosophie und Literatur entstehen konnte, und unter dem lichten und blauen Himmel des Mittelmeers die wahren Genies (wie z. B. Napoleon) aufwuchsen.

    KS: In Deutschland beneidet man die Schweizer um ihre Neutralität.
    NADESCHKIN: Mir hat ein deutscher Kollege gesagt, dass er bei Gastspielen in der Schweiz spüre, dass wir keinen Krieg hatten. Die Aggression sei nicht da.

    Ach nein? Der hat noch nie die geheime Landesverteidigung der Schweizer gesehen, vermuten wir mal. Verteidigungsanlagen im Grenzgebiet, egal wohin man schaut. Keine Brücke ohne Löcher für die Panzersperren, kein Pass ohne „Beton-Toblerone“, und keine 300 Opfer durch Ordonanzwaffen im Jahr. Alles so schön friedlich hier.

    Beton Toblerone

    URSUS: Vieles funktioniert in der Schweiz nicht. Wir haben in der Schweiz keine Stars. Berühmte Schweizer wie Roger Federer, DJ Bobo oder Martina Hingis können unbehelligt in ihrer Stamm-Kneipe hocken. Die Massenphänomene gehen hier nicht. Der Schweizer hat etwas Behäbiges, das Gegenteil von Hysterie.

    Jeder kennt jeden, auch an die Promis ist leicht heranzukommen. Bis zum Attentat auf Zug fuhren Bundesräte in Bern mit dem Tram zur Sitzung. Hysterie kommt jetzt erst auf, seitdem jeden Monat 2000 Deutsche mehr in die Schweiz kommen.

    KS: Viele Deutsche halten die Schweiz für ein Paradies . . .
    NADESCHKIN: Weil wir besser im Verstecken sind. Es ist nicht so, dass es bei uns nur reiche Leute gibt. Wenn man in Deutschland ein Problem richtig laut rausschreit, findet sich immer jemand, der zuhört. Das würde sich ein Schweizer nie trauen. Wenn jemand nicht genug Geld hat, dann schweigt er und guckt, wie er über die Runden kommt.
    (…)

    Denn über Geld wird nicht geredet, und über nicht vorhandenes Geld noch weniger. Tragisch aber wahr. Die „working poor“, die es auch in der Schweiz gibt, würden lieber verrecken als Hilfe beim Staat zu beantragen. Sogenannte Obdachlose, Penner oder Stadtstreicher, wie sie in Deutschland in jeder Fussgängerzone zu finden sind, muss man in der Schweiz echt suchen gehen. Natürlich gibt es die „Randständigen“, aber zahlenmässig bewegt sich das in wesentlich kleineren Dimensionen als in Deutschland, und auf sie fällt schnell der Lichtstrahl des Rayonverbots und es wird ihnen der Weg gewiesen.

    Pack den Schiller wieder ein — Wahre Kultur lernt man bei den Italienern

    July 31st, 2010

    (reload 28.02.07)

  • Was Kultur angeht ist bei den Deutschen nichts zu lernen
  • Ein immer wieder kehrendes Argument in der Diskussion über die vielen Deutschen in der Schweiz ist deren fehlende Kultur. Der wahre Schweizer kann da differenzieren. So lasen wir erst kürzlich in einem Kommentar auf der Blogwiese:

    “Habt ihr euch eigentlich einmal gefragt, welchen Gewinn ihr fuer die Schweiz darstellt? Kulturell-wohl kaum, da haben Italiener ne Menge Mehr zu bieten”
    (Quelle: Kommentar auf der Blogwiese)

    Es ist nicht das erste Mal, dass uns als Deutsche in der Schweiz das Argument der kulturell überlegen Italiener genannt wird. Ein anderer Kommentator schrieb zum gleichen Thema:

    7. Kultureller Einfluss: Migranten aus dem Mittelmeerraum brachten uns Dolce fare niente oder Siesta, gute Musik und schöne Mädchen. Und die Deutschen? Preussicher Drill und … (kenne gerade keine Deutsche Ikone).
    (Quelle: Kommentar auf der Blogwiese )

    Bevor nun die grosse Diskussion über den Begriff „Was ist Deutsche Kultur?“ beginnt, strecken wir kampflos die Waffen, singen „O Sole Mio“ und holen die grosse verstaubte Kiste vom Dachboden, der hierzulande „Estrich“ heisst und nicht aus Beton gegossen ist, oder von der „Bühne“, falls sich ein Leser aus dem Schwabenland auf diesen Blog verirrt haben sollte.

  • Weg mit der Deutschen Kultur
  • Eine grosse Kiste brauchen wir, um jetzt mal tüchtig unser Bücherregal von mitleiderregenden Beispielen Deutscher Kultur zu befreien. Also nichts wie in die Hände gespuckt und los geht’s: Hölderlin, Goethe, Kafka kommen als erstes dran. Bei Hesse zögern wir. Ist der nicht am Ende seines Lebens Schweizer geworden, wie es sich gehört für einen guten Deutschen, der Gast ist in diesem wundervollen Land? Also lassen wir ihn erst mal stehen und schnappen uns Böll, Brecht, Walser, Grass, all die guten Bücher die durch Gutenbergs Buchdruck möglich wurden. Auch ein deutscher Kulturschaffender? Jetzt wird es eng in der Kiste. Sybille Berg stellen wir zurück ins Regal. Nach ihrem Artikel vom 23.02.07 im Blick zu urteilen ist sie bereits bald auf dem Weg, eine gute Schweizer Kolumnisten zu werden.

  • Deutsche Musik? Um Gotteswillen!
  • Machen wir weiter bei den Platten und CDs: Bach, Beethoven, Schubert, Schumann. Den Mozart überlassen wir den Österreichern, und Chopin teilen sich derweil die Polen mit den Franzosen. Kein Problem, sonst würde die Kiste zu voll. Muss ja noch Strauss und Weber hinein. Herbert Gröhlemeier und BAP lassen wir stehen, die stehen für Ruhrpott („Bochum ich komm aus Dir, eh Glück Auf“) und Köln, nicht für Deutschland.

    Um ja keinen zu vergessen hier eine längere Liste Deutscher Komponisten. Hinzufügen wollen wir nun ein bisschen Malerei von Franz Marc, August Macke, Dürer und Hohlbein. Obwohl letzter ist zu den Schweizern abgewandert, weil die ihn besser bezahlt haben in Basel. Joseph Beuys hingegen aus Düsseldorf verstand sich als Weltbürger, der seinen Filzhut überall trug und seine Fettecken ebenfalls Standort unabhängig anbringen konnte. Ein paar weitere Deutsche Maler finden sich hier.

  • Wo sind die schönen deutschen Mädchen?
  • Die Deutschen Frauen sind nicht schön, aber dafür geil, wie wir neulich bei Michèle Roten im Magazin des Tages-Anzeigers nachlesen durften. Oder sind sie es doch eher frigide Hühner? Wir sind verwirrt.
    „Gute Musik und schöne Mädchen“? Nein, die können wir nicht liefern. Ist schon alles eingepackt. Ab jetzt wird nur noch Verdi gehört, und Gianna Nannini, oder Angelo Branduardi. Der ist übrigens gerade auf Tour in der Schweiz, mit weissen Haaren, das trifft sich gut.
    Und was die schönen Mädchen angeht, da werden wir einer Claudia Schiffer oder einer Heidi Klum ab sofort Einreiseverbot für die Schweiz erteilen und nur noch italienische Superstars wie Shakira, Penelope Cruz oder Jennifer Lopez anschauen.

  • Deutsche Kultur besteht nur aus preussischem Drill und Stechschritt
  • Nachdem jetzt alles eingepackt ist, bleibt tatsächlich nur noch der preussische Drill und der Stechschritt übrig, den im Europa des Jahres 2007 leider nur noch die Griechen richtig drauf haben:
    Stechschritt bei den Griechen
    Stechschritt bei den Griechen (nicht unter die Röcke gucken bitte)
    (Quelle Foto: volker-steinlein.de)

  • Gehören Autos zu den Kulturgüter?
  • Falls ja, wird ab sofort eine Importsperre für Daimler Benz, BMW und Volkswagen erhoben. Nur noch FIAT ist erlaubt. Für was stand nochmal diese Abkürzung? „Fix It Again, Tony“ oder so.

  • Was machen wir mit dem Deutschen Kulturprogramm im Fernsehen?
  • Nein, Stefan Raab und Harald Schmidt wollen wir nicht mehr sehen, nur noch die Vorausscheidungen für die nächste „Miss Itala“ Wahl als Endlosschleife von RAI, oder eine der ganz besonders anspruchsvollen Gameshow am Samstagabend. Das haben sie echt drauf, die Italiener. Gibt es sonst ein Land, dass aus 102 Kandidatinnen für die Miss-Wahl an mehreren Abenden in Folge in direkter Übertragung zur besten Sendezeit die endgültige Miss wählt? Absolut bemerkenswert und ein kulturelles Vorbild, von dem wir Deutsche noch was lernen können.

  • Und der Schiller?
  • Nun, als Deutsche können wir den Schweizern wirklich kulturell nicht so viel bieten wie die Italiener. Könnte nicht einfach der Nobelpreisträger und Satiriker Dario Fo die alte Geschichte vom Gessler und vom Apfelschuss für die Schweizer zu einer erfrischenden Satire umwandeln, die dann alljährlich aufgeführt wird, so dass wir auch den alten Schiller einmotten und wegpacken können in unsere Kiste, denn der würde dann endlich nicht mehr gebraucht zur Erhaltung des Nationalgefühls.

    „Schillerstein“
    Schillerstein
    Dario Fo müssten dann natürlich auch den am Weg der Schweiz im Urnersee liegenden “„Schillerstein“ ” gewidmet bekommen, verdient ist verdient.

  • Far niente im Land wo die Zitronen blühen
  • Kurzum: Ein Hoch auf “la dolce vita” und das “Land wo die Zitronen blühen!” Ein letztes Mal also “Deutsche Kultur“, passend zum Thema, bevor wir die Kiste ganz zuklappen:

    Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
    Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
    Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
    Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
    Kennst du es wohl?
    Dahin, dahin
    Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
    Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
    Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
    Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
    Was hat man dir, du armes Kind, getan?-
    Kennst du es wohl?
    Dahin, dahin
    Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!
    Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
    Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
    In Hoehlen wohnt der Drachen alte Brut.
    Es stuerzt der Fels und über ihn die Flut.
    Kennst du ihn wohl?
    Dahin, dahin
    Geht unser Weg.
    O Vater, lass uns ziehn!

    (Goethe: Mignon)

    Die Parodie darauf von Kästner kann jeder hier selbst nachlesen.

    Nimmt es ihnen auch manchmal den Ärmel herein? — Neue alte Schweizer Redewendungen

    June 27th, 2010

    (reload vom 14.02.07)

  • Wenn es kaum noch neue Funde gibt
  • Oft wurde ich gefragt, warum die Blogwiese mehr politische Themen bringt und nur noch wenig Sprachliches. Das liegt an der Natur der Sache. Irgendwann ist jeder Helvetismus und jede Schweizer Redewendung gefunden und erklärt. Die tägliche Tagi-Lektüre bringt zwar immer noch jede Menge Fundstellen, aber langsam „sind wir es uns gewohnt“, und fangen beim „gewohnt sein“ auch schon an, es reflexiv zu gebrauchen. Es klingt so wunderbar verschnörkelt, nur “tönen” müssen bei uns nach wie vor einzig und allein die Lieder. Zu fast jedem Fund aus dem Tagi gab es schon irgendwann in den letzten 1 ½ Jahren ein Posting.

  • Tön Glöckchen
  • Der Versuch an Weihnachten, die Volksweise „Tön Glöckchen, töne töne tön. Tön, Glöckchen tön“ in der Schweizerdeutschen Version zu singen, misslang völlig. Das tönte einfach nicht gut. Dafür wurde an Heiligabend in der Reformierten Kirche zu Bülach „Stille Nacht“ zur Abwechslung auf Schwiizerdütsch intoniert, den Text hatte man per Diashow an die Wand zum Ablesen projiziert. Letztes Jahr stand an gleicher Stelle noch die Englische Fassung. Welche Sprache dort diese Jahr an Weihnachten projiziert wird?

  • Herein mit dem Ärmel
  • Doch dann fand sich im Tages-Anzeiger vom 07.02.07 in einem Bericht über einen männlichen Kinderbetreuer der gehaltvolle und aufschlussreiche Satz:

    „Nach ein paar Tagen im Läbihus nahm es Urs Neuhaus den Ärmel herein, und er begann die zweijährige Lehre“.

    Aermel herien

    Herein mit dem Ärmel
    (Quelle Foto: weblog.burdamode.com)

    Interessant! Während man woanders die „Ärmel hochkrempelt“ um eine Sache mit voller Energie angehen zu können wirkt in der Schweiz ein „ES“, im Drei-Instanzen-Modell nach Siegmund Freud vor dem „Über-ICH“ und dem „ICH“ die erste wichtige Instanz im Leben eines Menschen.

    „Es nahm ihm den Ärmel herein“. Wo hinein? Ins Haus? In die Jackentasche? Die Redewendung ist zwar schick, aber leider ohne Zuhilfenahme von Fachbüchern nicht zu verstehen. Wir fanden im Internet:

    Beat und mir würde es den Ärmel herein nehmen, wenn wir jetzt einen Hund haben könnten, aber eben, wir möchten noch etwas Töff fahren und reisen
    (Quelle: Google Cache)

    oder:

    Manch einem wird es dermassen „den Ärmel hereinnehmen“, dass er sich sogar einen Videoprojektor gönnen und damit sein Wohnzimmer tatsächlich zum Kino machen wird.
    (Quelle: dvd-forum.ch )

    Es nimmt also noch anderen Menschen bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten den Ärmel hinein. Immer nur einen, nie zwei Ärmel. Und immer ist das geheimnisvolle „ES“ mit dabei im Spiel.
    Kurt Meyers Schweizer Wörterbuch verschafft uns Klarheit:

    „Ärmel, der: * es nimmt mir den Ärmel hinein (mundartnah, salopp) — es packt mich.
    Jeden Sommer nimmt es mir den Ärmel hinein. Dann packe ich meine Siebensachen zusammen … werde sie … in den Wagen und fahre davon (Nebelspalter 1971, 33, 36) (…)
    (Quelle: Schweizer Wörterbuch S. 66)

    Jetzt ist uns klar, warum dieser Ausdruck so geheimnisvoll daherkommt. Es geht hier um ungezügelte Leidenschaft, um ungebremste Willenskraft. „Es packt mich“, ich kann nichts dafür, ich handel gegen meine Vernunft und gegen ohne bewusste Steuerung.

    Etwas, was wir von den beherrschten und stets leidenschaftslosen Zürchern so nicht gewohnt sind. Wie schrieb einst ein Leser der Blogwiese als Erklärung, warum im Zürcher Schauspielhaus so wenig und zaghaft geklatscht wird: „Wenn Du Leidenschaft willst, musst Du in die Innerschweiz gehen. Im Zwingli-Züri ist jede aussergewöhnliche Gefühlsregung oder Beifallsbekundung verpönt“.

  • Wie packt es einen?
  • Es packt einen also, wenn „es einen den Ärmel hinein nimmt“. Vielleicht kommt das vom Fahrwind auf dem Trecker? Ab Tempo 35 Km/h weht es den Ärmel nach innen wegen der hohen Geschwindigkeit? Sie merken, wir suchen bereits wieder Erklärungen aus der Welt der Schweizer Agrarwissenschaften, wo ja sonst die meisten Redewendungen herkommen.

    Wie könnte man das „voll gepackt sein“ sonst umschreiben? „Es haut mich vom Stuhl“, „es haut mich aus den Socken“, „ich bin da voll drauf abgefahren“. Klingt alles mehr nach Besäufnis als nach Leidenschaft. Sonst noch Erklärungsversuche?
    Ach ja: Wann nimmt es den Ärmel eigentlich wieder hinaus?