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Warum die Schweizer so anders sind — Neue Theorien über die Menschen aus den Bergen von Ursus und Nadeschkin

August 23rd, 2010

(reload vom 6.3.07)

  • Sprachkünstler in Deutschland unterwegs
  • Unsere Schweizer Lieblingskünstler, genauer gesagt „Sprachkünstler“, Clowns, Comedians, Artisten und Makramee-Spezialisten „Ursus & Nadeschkin“, die im wahren Leben Ursus Wehrli und Nadja Sieger heissen und niemals einzeln und unabhängig voneinander genannt werden dürfen (denn sonst gibt es postwendend Post von Nadja), tourten 2007 durch Deutschland mit der Hochdeutschen Fassung ihres Programmes „Weltrekord“ (aktuelle Termine siehe hier).

  • Doch manchmal voneinander isoliert
  • Isoliert tritt Nadja Sieger regelmässig bei der Schweizer Version von „Genial Daneben“ auf, und Ursus ist im Nebenberuf ein begnadeter „Kunstaufräumer“. Er hat schon zwei Werke zum kunstgerechten Aufräumen von Kunst herausgebracht. Echt aufgeräumt. So schrieb BR-Online über ihn:

    Wehrli verhilft Klassikern wie Klee, Picasso oder Jawlenski zu einer neuen Übersichtlichkeit und gestaltet sie Platz sparender und übersichtlicher. Die Ergebnisse können sich in Originalität und Ästhetik durchaus mit ihren “unordentlichen” Vorbildern messen und begeistern Kunstliebhaber wie Kunsthasser gleichermaßen - und diejenigen, die Kunst nicht nur ernst nehmen, sowieso.
    (Quelle: br-online)

    Ursus und Nadeschkin in Köln
    (Ursus und Nadeschkin, Foto von Geri Born)

  • Die Berge machen bescheiden
  • Während der Tournee führte Marianne Kolarik ein Gespräch mit Ihnen, das am 08.02.07 im Kölner Stadtanzeiger veröffentlicht wurde. Hier ein paar Auszüge daraus:

    KS: Sie kommen aus der Schweiz, einem, wie manche meinen, fremden Kulturkreis.
    URSUS: Deutschland und die Schweiz liegen so nah beieinander, aber man weiß wenig voneinander. Ein Deutscher fährt im Urlaub vielleicht in die Südschweiz, aber ein Schweizer geht nie nach Deutschland. Wieso auch?
    (Quelle für dieses und alle weiteren Zitate: ursusnadeschkin.ch)

    Mit der „Südschweiz“ meint Ursus das Tessin, welches der deutsche Normalo auf dem Weg zur billigen Küste in Italien möglichst rasch durchfährt, nicht ohne noch rasch die Ozonwerte im Levantino hochzuschrauben und bei der Durchfahrt durch den Kanton Uri zu hoffen, das ihm kein Felsen aufs Dach knallt.

    NADESCHKIN: Wenn Schweizer nach Berlin fahren, bleiben sie meistens da. Weil Deutschland und Italien so verschieden sind, glaubt man, dass die Schweiz weniger verschieden ist.

    Stimmt, uns fallen ganz spontan ein paar Schweizer ein, die in Berlin hängengeblieben sind oder zumindestens eine Zeit dort blieben. Neulich erzählte mir eine Schweizerin, wie laut sich Schweizer Touristen mitunter in der Berliner S-Bahn aufführen, lautstark auf breitestem Berndeutsch über die nächste Sehenswürdigkeit diskutierten, in totalen Gefühl der Sicherheit, sowieso von niemanden dort dabei verstanden werden zu können. Auch Thomas Bohrer und Roger Schawinski sind in Berlin, nach Ende ihrer Amtszeit bzw. Kündigung des Vertrags, hängengeblieben. Kennen Schweizer eigentlich auch Städte wie Frankfurt oder Stuttgart, Dortmund oder Bremen?

    KS: Worin besteht denn der Unterschied zwischen den Ländern?
    NADESCHKIN: Wenn der Schweizer ein Bier bestellt, sagt er: „Entschuldigung, ich hätte gerne ein Bier.“ Der Deutsche sagt: „Ich krieg’n Bier.“ Deutsche befehlen.
    URSUS: Deswegen haben es die Deutschen in der Schweiz nicht leicht, weil jeder denkt: „Was ist das denn für ein arrogantes Arschloch?“ Dabei meint der Deutsche das gar nicht so.

    Nee, der hat Durst, und darum sagt er das auch. Kurz und präzise und direkt. Der Keller wird nicht fürs Quatschen bezahlt, oder fürs Zuhören. Und die Bierchen sind auch gleich immer wieder leer, wenn man in Köln ist und aus Reagenzgläsern trinkt. Da ist Eile geboten beim Nachbestellen.

    NADESCHKIN: Die Schweiz ist nicht größer als Bayern und hat vier Sprachen. Wenn einer aus den Bergen rätoromanisch spricht, versteht er die Menschen in Zürich schon nicht. Es gibt immer hundert Ansichten, aber nie eine Einigung. Wir müssen immer erst einen Tunnel bauen und können nicht wie in Deutschland direkt losfahren. In der Schweiz muss man immer Umwege machen. Das ist symptomatisch für die Bevölkerung. Deswegen haben es Neuerungen viel schwerer als die alten Angewohnheiten.

    So wie die Aufbewahrung des Teppichklopfers im heimischen Kleiderschrank? Diese alte Gewohnheit darf nie abgeschafft werden, wir erinnern daran. Das mit den vier Sprachen in der Schweiz wussten wir auch noch nicht. Gemeint war doch jetzt bestimmt der Kanton Graubünden für sich, oder?

    KS: Was ist Eurer Meinung nach der Grund für die unterschiedlichen Temperamente?
    URSUS: Es ist erstaunlich, wie die Natur die Menschen beeinflusst. Die Mehrheit der Schweizer sehen einen Berg, wenn sie aus dem Haus treten.
    KS: Und zwar einen großen Berg.
    NADESCHKIN: Und ziemlich nah.
    URSUS: Sie sehen etwas, das größer ist als sie. Dagegen ist man machtlos. Da wird man kleiner, bescheidener, dankbarer.
    NADESCHKIN: Ein Berg ist ein Aufwand, etwas, was sich dir in den Weg stellt. Er nimmt dir den Horizont. Die Leute sind ängstlicher.

    Diese Theorie von der Umgebung, die einen Einfluss auf das Denken der Menschen hat, wurde im 19. Jahrhundert unter dem Namen „Positivismus“ in Frankreich ernsthaft erforscht:

    Der Positivist Hypolite Taine (…) sah die Erkenntnis, aber auch die schöpferische Tat des Künstlers von vier Faktoren bestimmt: Rasse, Milieu, Moment und spezifische Individualität (Genialität).
    (Quelle: weltchronik.de)

    Das ging im Detail soweit, dass laut Taine im nebeligen und regnerischen Deutschland nur triste Philosophie und Literatur entstehen konnte, und unter dem lichten und blauen Himmel des Mittelmeers die wahren Genies (wie z. B. Napoleon) aufwuchsen.

    KS: In Deutschland beneidet man die Schweizer um ihre Neutralität.
    NADESCHKIN: Mir hat ein deutscher Kollege gesagt, dass er bei Gastspielen in der Schweiz spüre, dass wir keinen Krieg hatten. Die Aggression sei nicht da.

    Ach nein? Der hat noch nie die geheime Landesverteidigung der Schweizer gesehen, vermuten wir mal. Verteidigungsanlagen im Grenzgebiet, egal wohin man schaut. Keine Brücke ohne Löcher für die Panzersperren, kein Pass ohne „Beton-Toblerone“, und keine 300 Opfer durch Ordonanzwaffen im Jahr. Alles so schön friedlich hier.

    Beton Toblerone

    URSUS: Vieles funktioniert in der Schweiz nicht. Wir haben in der Schweiz keine Stars. Berühmte Schweizer wie Roger Federer, DJ Bobo oder Martina Hingis können unbehelligt in ihrer Stamm-Kneipe hocken. Die Massenphänomene gehen hier nicht. Der Schweizer hat etwas Behäbiges, das Gegenteil von Hysterie.

    Jeder kennt jeden, auch an die Promis ist leicht heranzukommen. Bis zum Attentat auf Zug fuhren Bundesräte in Bern mit dem Tram zur Sitzung. Hysterie kommt jetzt erst auf, seitdem jeden Monat 2000 Deutsche mehr in die Schweiz kommen.

    KS: Viele Deutsche halten die Schweiz für ein Paradies . . .
    NADESCHKIN: Weil wir besser im Verstecken sind. Es ist nicht so, dass es bei uns nur reiche Leute gibt. Wenn man in Deutschland ein Problem richtig laut rausschreit, findet sich immer jemand, der zuhört. Das würde sich ein Schweizer nie trauen. Wenn jemand nicht genug Geld hat, dann schweigt er und guckt, wie er über die Runden kommt.
    (…)

    Denn über Geld wird nicht geredet, und über nicht vorhandenes Geld noch weniger. Tragisch aber wahr. Die „working poor“, die es auch in der Schweiz gibt, würden lieber verrecken als Hilfe beim Staat zu beantragen. Sogenannte Obdachlose, Penner oder Stadtstreicher, wie sie in Deutschland in jeder Fussgängerzone zu finden sind, muss man in der Schweiz echt suchen gehen. Natürlich gibt es die „Randständigen“, aber zahlenmässig bewegt sich das in wesentlich kleineren Dimensionen als in Deutschland, und auf sie fällt schnell der Lichtstrahl des Rayonverbots und es wird ihnen der Weg gewiesen.

    Pack den Schiller wieder ein — Wahre Kultur lernt man bei den Italienern

    July 31st, 2010

    (reload 28.02.07)

  • Was Kultur angeht ist bei den Deutschen nichts zu lernen
  • Ein immer wieder kehrendes Argument in der Diskussion über die vielen Deutschen in der Schweiz ist deren fehlende Kultur. Der wahre Schweizer kann da differenzieren. So lasen wir erst kürzlich in einem Kommentar auf der Blogwiese:

    “Habt ihr euch eigentlich einmal gefragt, welchen Gewinn ihr fuer die Schweiz darstellt? Kulturell-wohl kaum, da haben Italiener ne Menge Mehr zu bieten”
    (Quelle: Kommentar auf der Blogwiese)

    Es ist nicht das erste Mal, dass uns als Deutsche in der Schweiz das Argument der kulturell überlegen Italiener genannt wird. Ein anderer Kommentator schrieb zum gleichen Thema:

    7. Kultureller Einfluss: Migranten aus dem Mittelmeerraum brachten uns Dolce fare niente oder Siesta, gute Musik und schöne Mädchen. Und die Deutschen? Preussicher Drill und … (kenne gerade keine Deutsche Ikone).
    (Quelle: Kommentar auf der Blogwiese )

    Bevor nun die grosse Diskussion über den Begriff „Was ist Deutsche Kultur?“ beginnt, strecken wir kampflos die Waffen, singen „O Sole Mio“ und holen die grosse verstaubte Kiste vom Dachboden, der hierzulande „Estrich“ heisst und nicht aus Beton gegossen ist, oder von der „Bühne“, falls sich ein Leser aus dem Schwabenland auf diesen Blog verirrt haben sollte.

  • Weg mit der Deutschen Kultur
  • Eine grosse Kiste brauchen wir, um jetzt mal tüchtig unser Bücherregal von mitleiderregenden Beispielen Deutscher Kultur zu befreien. Also nichts wie in die Hände gespuckt und los geht’s: Hölderlin, Goethe, Kafka kommen als erstes dran. Bei Hesse zögern wir. Ist der nicht am Ende seines Lebens Schweizer geworden, wie es sich gehört für einen guten Deutschen, der Gast ist in diesem wundervollen Land? Also lassen wir ihn erst mal stehen und schnappen uns Böll, Brecht, Walser, Grass, all die guten Bücher die durch Gutenbergs Buchdruck möglich wurden. Auch ein deutscher Kulturschaffender? Jetzt wird es eng in der Kiste. Sybille Berg stellen wir zurück ins Regal. Nach ihrem Artikel vom 23.02.07 im Blick zu urteilen ist sie bereits bald auf dem Weg, eine gute Schweizer Kolumnisten zu werden.

  • Deutsche Musik? Um Gotteswillen!
  • Machen wir weiter bei den Platten und CDs: Bach, Beethoven, Schubert, Schumann. Den Mozart überlassen wir den Österreichern, und Chopin teilen sich derweil die Polen mit den Franzosen. Kein Problem, sonst würde die Kiste zu voll. Muss ja noch Strauss und Weber hinein. Herbert Gröhlemeier und BAP lassen wir stehen, die stehen für Ruhrpott („Bochum ich komm aus Dir, eh Glück Auf“) und Köln, nicht für Deutschland.

    Um ja keinen zu vergessen hier eine längere Liste Deutscher Komponisten. Hinzufügen wollen wir nun ein bisschen Malerei von Franz Marc, August Macke, Dürer und Hohlbein. Obwohl letzter ist zu den Schweizern abgewandert, weil die ihn besser bezahlt haben in Basel. Joseph Beuys hingegen aus Düsseldorf verstand sich als Weltbürger, der seinen Filzhut überall trug und seine Fettecken ebenfalls Standort unabhängig anbringen konnte. Ein paar weitere Deutsche Maler finden sich hier.

  • Wo sind die schönen deutschen Mädchen?
  • Die Deutschen Frauen sind nicht schön, aber dafür geil, wie wir neulich bei Michèle Roten im Magazin des Tages-Anzeigers nachlesen durften. Oder sind sie es doch eher frigide Hühner? Wir sind verwirrt.
    „Gute Musik und schöne Mädchen“? Nein, die können wir nicht liefern. Ist schon alles eingepackt. Ab jetzt wird nur noch Verdi gehört, und Gianna Nannini, oder Angelo Branduardi. Der ist übrigens gerade auf Tour in der Schweiz, mit weissen Haaren, das trifft sich gut.
    Und was die schönen Mädchen angeht, da werden wir einer Claudia Schiffer oder einer Heidi Klum ab sofort Einreiseverbot für die Schweiz erteilen und nur noch italienische Superstars wie Shakira, Penelope Cruz oder Jennifer Lopez anschauen.

  • Deutsche Kultur besteht nur aus preussischem Drill und Stechschritt
  • Nachdem jetzt alles eingepackt ist, bleibt tatsächlich nur noch der preussische Drill und der Stechschritt übrig, den im Europa des Jahres 2007 leider nur noch die Griechen richtig drauf haben:
    Stechschritt bei den Griechen
    Stechschritt bei den Griechen (nicht unter die Röcke gucken bitte)
    (Quelle Foto: volker-steinlein.de)

  • Gehören Autos zu den Kulturgüter?
  • Falls ja, wird ab sofort eine Importsperre für Daimler Benz, BMW und Volkswagen erhoben. Nur noch FIAT ist erlaubt. Für was stand nochmal diese Abkürzung? „Fix It Again, Tony“ oder so.

  • Was machen wir mit dem Deutschen Kulturprogramm im Fernsehen?
  • Nein, Stefan Raab und Harald Schmidt wollen wir nicht mehr sehen, nur noch die Vorausscheidungen für die nächste „Miss Itala“ Wahl als Endlosschleife von RAI, oder eine der ganz besonders anspruchsvollen Gameshow am Samstagabend. Das haben sie echt drauf, die Italiener. Gibt es sonst ein Land, dass aus 102 Kandidatinnen für die Miss-Wahl an mehreren Abenden in Folge in direkter Übertragung zur besten Sendezeit die endgültige Miss wählt? Absolut bemerkenswert und ein kulturelles Vorbild, von dem wir Deutsche noch was lernen können.

  • Und der Schiller?
  • Nun, als Deutsche können wir den Schweizern wirklich kulturell nicht so viel bieten wie die Italiener. Könnte nicht einfach der Nobelpreisträger und Satiriker Dario Fo die alte Geschichte vom Gessler und vom Apfelschuss für die Schweizer zu einer erfrischenden Satire umwandeln, die dann alljährlich aufgeführt wird, so dass wir auch den alten Schiller einmotten und wegpacken können in unsere Kiste, denn der würde dann endlich nicht mehr gebraucht zur Erhaltung des Nationalgefühls.

    „Schillerstein“
    Schillerstein
    Dario Fo müssten dann natürlich auch den am Weg der Schweiz im Urnersee liegenden “„Schillerstein“ ” gewidmet bekommen, verdient ist verdient.

  • Far niente im Land wo die Zitronen blühen
  • Kurzum: Ein Hoch auf “la dolce vita” und das “Land wo die Zitronen blühen!” Ein letztes Mal also “Deutsche Kultur“, passend zum Thema, bevor wir die Kiste ganz zuklappen:

    Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
    Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
    Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
    Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
    Kennst du es wohl?
    Dahin, dahin
    Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
    Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
    Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
    Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
    Was hat man dir, du armes Kind, getan?-
    Kennst du es wohl?
    Dahin, dahin
    Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!
    Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
    Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
    In Hoehlen wohnt der Drachen alte Brut.
    Es stuerzt der Fels und über ihn die Flut.
    Kennst du ihn wohl?
    Dahin, dahin
    Geht unser Weg.
    O Vater, lass uns ziehn!

    (Goethe: Mignon)

    Die Parodie darauf von Kästner kann jeder hier selbst nachlesen.

    Nimmt es ihnen auch manchmal den Ärmel herein? — Neue alte Schweizer Redewendungen

    June 27th, 2010

    (reload vom 14.02.07)

  • Wenn es kaum noch neue Funde gibt
  • Oft wurde ich gefragt, warum die Blogwiese mehr politische Themen bringt und nur noch wenig Sprachliches. Das liegt an der Natur der Sache. Irgendwann ist jeder Helvetismus und jede Schweizer Redewendung gefunden und erklärt. Die tägliche Tagi-Lektüre bringt zwar immer noch jede Menge Fundstellen, aber langsam „sind wir es uns gewohnt“, und fangen beim „gewohnt sein“ auch schon an, es reflexiv zu gebrauchen. Es klingt so wunderbar verschnörkelt, nur “tönen” müssen bei uns nach wie vor einzig und allein die Lieder. Zu fast jedem Fund aus dem Tagi gab es schon irgendwann in den letzten 1 ½ Jahren ein Posting.

  • Tön Glöckchen
  • Der Versuch an Weihnachten, die Volksweise „Tön Glöckchen, töne töne tön. Tön, Glöckchen tön“ in der Schweizerdeutschen Version zu singen, misslang völlig. Das tönte einfach nicht gut. Dafür wurde an Heiligabend in der Reformierten Kirche zu Bülach „Stille Nacht“ zur Abwechslung auf Schwiizerdütsch intoniert, den Text hatte man per Diashow an die Wand zum Ablesen projiziert. Letztes Jahr stand an gleicher Stelle noch die Englische Fassung. Welche Sprache dort diese Jahr an Weihnachten projiziert wird?

  • Herein mit dem Ärmel
  • Doch dann fand sich im Tages-Anzeiger vom 07.02.07 in einem Bericht über einen männlichen Kinderbetreuer der gehaltvolle und aufschlussreiche Satz:

    „Nach ein paar Tagen im Läbihus nahm es Urs Neuhaus den Ärmel herein, und er begann die zweijährige Lehre“.

    Aermel herien

    Herein mit dem Ärmel
    (Quelle Foto: weblog.burdamode.com)

    Interessant! Während man woanders die „Ärmel hochkrempelt“ um eine Sache mit voller Energie angehen zu können wirkt in der Schweiz ein „ES“, im Drei-Instanzen-Modell nach Siegmund Freud vor dem „Über-ICH“ und dem „ICH“ die erste wichtige Instanz im Leben eines Menschen.

    „Es nahm ihm den Ärmel herein“. Wo hinein? Ins Haus? In die Jackentasche? Die Redewendung ist zwar schick, aber leider ohne Zuhilfenahme von Fachbüchern nicht zu verstehen. Wir fanden im Internet:

    Beat und mir würde es den Ärmel herein nehmen, wenn wir jetzt einen Hund haben könnten, aber eben, wir möchten noch etwas Töff fahren und reisen
    (Quelle: Google Cache)

    oder:

    Manch einem wird es dermassen „den Ärmel hereinnehmen“, dass er sich sogar einen Videoprojektor gönnen und damit sein Wohnzimmer tatsächlich zum Kino machen wird.
    (Quelle: dvd-forum.ch )

    Es nimmt also noch anderen Menschen bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten den Ärmel hinein. Immer nur einen, nie zwei Ärmel. Und immer ist das geheimnisvolle „ES“ mit dabei im Spiel.
    Kurt Meyers Schweizer Wörterbuch verschafft uns Klarheit:

    „Ärmel, der: * es nimmt mir den Ärmel hinein (mundartnah, salopp) — es packt mich.
    Jeden Sommer nimmt es mir den Ärmel hinein. Dann packe ich meine Siebensachen zusammen … werde sie … in den Wagen und fahre davon (Nebelspalter 1971, 33, 36) (…)
    (Quelle: Schweizer Wörterbuch S. 66)

    Jetzt ist uns klar, warum dieser Ausdruck so geheimnisvoll daherkommt. Es geht hier um ungezügelte Leidenschaft, um ungebremste Willenskraft. „Es packt mich“, ich kann nichts dafür, ich handel gegen meine Vernunft und gegen ohne bewusste Steuerung.

    Etwas, was wir von den beherrschten und stets leidenschaftslosen Zürchern so nicht gewohnt sind. Wie schrieb einst ein Leser der Blogwiese als Erklärung, warum im Zürcher Schauspielhaus so wenig und zaghaft geklatscht wird: „Wenn Du Leidenschaft willst, musst Du in die Innerschweiz gehen. Im Zwingli-Züri ist jede aussergewöhnliche Gefühlsregung oder Beifallsbekundung verpönt“.

  • Wie packt es einen?
  • Es packt einen also, wenn „es einen den Ärmel hinein nimmt“. Vielleicht kommt das vom Fahrwind auf dem Trecker? Ab Tempo 35 Km/h weht es den Ärmel nach innen wegen der hohen Geschwindigkeit? Sie merken, wir suchen bereits wieder Erklärungen aus der Welt der Schweizer Agrarwissenschaften, wo ja sonst die meisten Redewendungen herkommen.

    Wie könnte man das „voll gepackt sein“ sonst umschreiben? „Es haut mich vom Stuhl“, „es haut mich aus den Socken“, „ich bin da voll drauf abgefahren“. Klingt alles mehr nach Besäufnis als nach Leidenschaft. Sonst noch Erklärungsversuche?
    Ach ja: Wann nimmt es den Ärmel eigentlich wieder hinaus?

    Langes Fädchen, faules Mädchen — Was alles langfädig ist in der Schweiz

    April 22nd, 2010

    (reload vom 16.01.07)

  • Wasserkraft und Webereien im Linthtal
  • Die Industriegeschichte der Schweiz ist eine Reihung von Erfolgen und Niedergängen. Es fehlten die natürlichen Ressourcen wie Eisenerz oder Kohle. Aber es gibt Wasserkraft in jedem Tal, und die liess sich nutzen um z. B. mechanische Webstühle und Spinnereien anzutreiben. So lasen wir über das Glarnerland:

    Während der Blütezeit um 1865 arbeiten in den 22 Druckereien etwa 6000 Menschen, die jährlich grosse Mengen Tücher hauptsächlich mittels Handmodel bedrucken. In den zahlreichen Spinnereien und Webereien sind zudem annähernd 4000 Arbeitende tätig. Die Textilindustrie beschäftigt fast einen Drittel der stark gewachsenen Gesamtbevölkerung, die 1870 mit 35 200 eine Höhe erklimmt, die in den folgenden sechs Jahrzehnten nicht mehr erreicht werden soll.
    (Quelle: www.glarusnet.ch)

    Ein bequemer Radwanderweg erlaubt es, vom oberen Ende des Tals ab Linth bis hinunter zum Bahnhof Ziegelbrücke auf 50 Km an den 80 ehemalige Spinnereien und Webereien den „Glarner Industrieweg“ zu erkunden. Sportlich ambitionierte Biker fahren natürlich in Gegenrichtung bergan von Ziegelbrücke nach Braunwald. Es ist geradezu unheimlich zu erkennen, wie gespenstig unbewohnt und verlassen die Orte im oberen Teil des Linthtals heute sind und sich das Tal mit jedem zurückgelegten Kilometer bergab erst nach und nach belebt, je mehr man sich dem Hauptort Glarus nähert, und je kürzer die Pendeldistanz zum nahen Kanton Zürich wird.
    Betrieb im Linthtal
    (Quelle Foto: glarusnet.ch)

    Weben und Spinnen sind also altbekannte Techniken in der Schweiz. Ein langer Faden muss selten gewechselt werden, und bei der Handarbeit gilt „langes Fädchen — faules Mädchen“, weil selten ein neues Stück Garn eingefädelt werden muss. Vielleicht rührt daher auch die Erfahrung, eine „landfädige“ Tätigkeit ziemlich langweilig ist.

  • Pflegen Sie auch langfädige Rituale?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger:

    In langfädigen Ritualen macht der Gemeinderat alle paar Wochen Hunderte von im Ausland geborenen Ausländern zu Schweizern.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 30.11.06)

    Wir fanden weitere Überbleibsel der Textilindustrie:

    Das halbherzige Engagement, mit langfädigen Entscheidungen und Verspätungen führte dazu, dass die NEIN-Kampagne in der Öffentlichkeit kaum sichtbar war.
    (Quelle: viavia.ch)

    Sogar im Sprachgebrauch Schweizer Linux-Freaks erhielt sich die textile Tradition:

    Dort fand man es in etwa hundert Unterordnern was zu einer sehr langfädigen URL führte
    (Quelle: Linuxinfozentrum.ch)

    Für „langfädig“ findet sich bei Google-CH 1‘070 Belege. Die Variante “langfädigen” ist immer noch mit 434 Exemplaren
    dabei. Kein Wunder, denn ist tatsächlich eine echte Schweizer Variante:
    Unser Duden meint:

    langfädig (Adj.) (schweiz.): weitschweifig, langatmig und langweilig: langfädige Erklärungen.
    (Quelle: duden.de)

  • Gepflegte Fadesse bei den Österreichern
  • Lässt man das „lang“ weg, kommt man schnell von „fädig“ zu „fade“, für „reizlos“ oder „langweilig“. Die Österreicher haben daraus sogar ein Tätigkeitswort für gepflegte Langeweile geformt. Sie „fadisieren“ ganz einfach (2′970 Funde bei Google-AT) . Und folglich ist Langeweile in Österreich auch eine „Fadesse“. (14‘000 Funde)

  • Was nicht fad ist, ist dröge
  • In meiner Heimat in Nordwestdeutschland sagen die Menschen statt „fade“ oder „langfädig“ lieber „dröge“. Das hat nun leider gar nichts mit dem „Drögeler“ zu tun und das Wort „Dröge“ ist in der Schweiz eher ein Nachnamen als ein Adjektiv. Beeindruckende 406‘000 Fundstellen bei Google-DE gegenüber nur 22‘600 bei Google-CH belegen gut, dass diese Adjektiv den Schweizern als Variante für „langweilig“ eher fremd ist. Die ersten Belege stammen übrigens von einer Seite namens „Blogwiese“: Sei nicht dröge und werde kein Drögeler.

  • Ich lisme einen Lismer
  • Falls Sie bis hierhin durchgehalten haben bei dieser langfädigen Lektüre, dann herzlichen Glückwünsch! Sie dürfen jetzt zur Abwechslung Wolle kaufen gehen und damit einen „Lismer“ „lismen“, sofern sie in der Schweiz leben oder mit langem Faden eine Strickjacke stricken, wenn Sie in Deutschland wohnen und dies nicht zu dröge finden.

    Kennen Sie Küsu, Schänggu und Hampä nicht? — Berndeutsches Vornamenraten

    April 7th, 2010
  • Ein S-Bike mit Vornamen
  • Von unserem Freund Phipu bekamen wir dieses tolle Foto aus Bern zugeschickt. Man kann sich dort ein S-Bahn-Velo, genannt „S-Bike“ mit eigenem Vornamen erstellen lassen, um es zu kaufen oder zu mieten.

    Berndeutsche Vornamen
    (Quelle Foto: Sattelüberzug mit Berndeutschen Vornamen, fotografiert von Phipu)
    Was heisst also:
    Chrigu,
    Steffä,
    Thömu,
    Melä,
    Päscu,
    Corä,
    Röschu,
    Käthlä,
    Simu,
    Housi,
    Sönä,
    Mischu,
    Lisä,
    Jänu,
    Mirä,
    Henä,
    Fridu,
    Fabä,
    Tinu,
    Suslä,
    Märcu,
    Thesä,
    Jüre,
    Sändlä,
    Küsä,
    Phippu,
    Chrigä,
    Aschi,
    Tanä oder Pesche?

    Phipu schreibt dazu:

    Hier eine kleines Ratespiel. Wie könnten die Taufnamen der Personen lauten, von denen suggeriert wird, dass sie auf dem personalisierten S-Bahn-Velo (oder Neudeutsch S-Bike) stehen könnten?
    Noch ein paar Tipps: Die Endung –ä ist nicht zwingend weiblich und –i ist in den vorliegenden Fällen männlich. Die Abkürzung entstammt nicht in jedem Fall der ersten Silbe des Namens und der Schlussvokal verlängert manchmal sogar den Ursprungsnamen.
    Den abgebildeten Sattelüberzug fand ich auf meinem Velo, das in einem Veloständer (nein, das ist nichts Erotisches) an einem Bahnhof im Einzugsgebiet der S-Bahn Bern abgestellt war.

    Was schreiben die wohl auf den Rahmen, wenn jemand „Friedrich-Wilhelm“ heisst? Oder „Gotthilf-Fürchtegott“?

    Von Phipu lernten wir aus einem seiner früheren Blogwiese-Kommentare:

    Auf Bärndütsch wird nicht nur der Artikel vor die Namen gesetzt, sondern (fast) jeder Vorname wird verändert. Als Neuling erkennt man nicht einmal den (oftmals geläufigen) Vornamen, der dahinter steckt. Die Umbenennung beginnt schon auf dem Schulhof. Die Ideen (besonders für Namen ausländischer Herkunft) stammen also manchmal von Kindern, weshalb eine Regel aufzustellen kaum möglich ist. Häufiges Muster ist allerdings: Jungennamen enden mit -u, Mädchennamen mit -e. Thömu (Thomas), Rege (Regina oder Regula), Tinu (Martin), Küsu (Markus), Vrene (Verena), Chrigu (Christian oder Christof), Chrige (Christine), Nattle (Nathalie), Schänggu (Jean-Claude), Närdu (Leonardo).
    Leute, die sich kennen, nennen sich ein Leben lang bei diesen Vornamen. Viele Künstler z.B. in der Dialektmusikszene machen sich solche Vornamen zum Künstlernamen bzw. Markenzeichen. (Tinu Heiniger, Büne Hueber)

  • Hurti eis ga zieh
  • Auf Berndeutsch lassen sich somit phonetisch sehr reizvolle Sätze erstellen, wie uns Phipu mit einem Beispiel beweist:

    Der Köbu isch mit der Miche no hurti eis ga zieh näb der Chiuche; si hei ja no viu z’viu Ziit gha.” heisst also: “Jakob ging mit Michaela noch rasch einen heben neben der Kirche; die hatten ja noch viel zuviel Zeit”. Dieser Satz ist nicht sehr sinnvoll, beinhaltet aber Wörter, die zeigen, dass L oft durch U ersetzt wird, was die Verständlichkeit für Fremde (also auch für Zürcher) beeinträchtigt.