Warum die Schweizer so anders sind — Neue Theorien über die Menschen aus den Bergen von Ursus und Nadeschkin
August 23rd, 2010(reload vom 6.3.07)
Unsere Schweizer Lieblingskünstler, genauer gesagt „Sprachkünstler“, Clowns, Comedians, Artisten und Makramee-Spezialisten „Ursus & Nadeschkin“, die im wahren Leben Ursus Wehrli und Nadja Sieger heissen und niemals einzeln und unabhängig voneinander genannt werden dürfen (denn sonst gibt es postwendend Post von Nadja), tourten 2007 durch Deutschland mit der Hochdeutschen Fassung ihres Programmes „Weltrekord“ (aktuelle Termine siehe hier).
Isoliert tritt Nadja Sieger regelmässig bei der Schweizer Version von „Genial Daneben“ auf, und Ursus ist im Nebenberuf ein begnadeter „Kunstaufräumer“. Er hat schon zwei Werke zum kunstgerechten Aufräumen von Kunst herausgebracht. Echt aufgeräumt. So schrieb BR-Online über ihn:
Wehrli verhilft Klassikern wie Klee, Picasso oder Jawlenski zu einer neuen Übersichtlichkeit und gestaltet sie Platz sparender und übersichtlicher. Die Ergebnisse können sich in Originalität und Ästhetik durchaus mit ihren “unordentlichen” Vorbildern messen und begeistern Kunstliebhaber wie Kunsthasser gleichermaßen - und diejenigen, die Kunst nicht nur ernst nehmen, sowieso.
(Quelle: br-online)

(Ursus und Nadeschkin, Foto von Geri Born)
Während der Tournee führte Marianne Kolarik ein Gespräch mit Ihnen, das am 08.02.07 im Kölner Stadtanzeiger veröffentlicht wurde. Hier ein paar Auszüge daraus:
KS: Sie kommen aus der Schweiz, einem, wie manche meinen, fremden Kulturkreis.
URSUS: Deutschland und die Schweiz liegen so nah beieinander, aber man weiß wenig voneinander. Ein Deutscher fährt im Urlaub vielleicht in die Südschweiz, aber ein Schweizer geht nie nach Deutschland. Wieso auch?
(Quelle für dieses und alle weiteren Zitate: ursusnadeschkin.ch)
Mit der „Südschweiz“ meint Ursus das Tessin, welches der deutsche Normalo auf dem Weg zur billigen Küste in Italien möglichst rasch durchfährt, nicht ohne noch rasch die Ozonwerte im Levantino hochzuschrauben und bei der Durchfahrt durch den Kanton Uri zu hoffen, das ihm kein Felsen aufs Dach knallt.
NADESCHKIN: Wenn Schweizer nach Berlin fahren, bleiben sie meistens da. Weil Deutschland und Italien so verschieden sind, glaubt man, dass die Schweiz weniger verschieden ist.
Stimmt, uns fallen ganz spontan ein paar Schweizer ein, die in Berlin hängengeblieben sind oder zumindestens eine Zeit dort blieben. Neulich erzählte mir eine Schweizerin, wie laut sich Schweizer Touristen mitunter in der Berliner S-Bahn aufführen, lautstark auf breitestem Berndeutsch über die nächste Sehenswürdigkeit diskutierten, in totalen Gefühl der Sicherheit, sowieso von niemanden dort dabei verstanden werden zu können. Auch Thomas Bohrer und Roger Schawinski sind in Berlin, nach Ende ihrer Amtszeit bzw. Kündigung des Vertrags, hängengeblieben. Kennen Schweizer eigentlich auch Städte wie Frankfurt oder Stuttgart, Dortmund oder Bremen?
KS: Worin besteht denn der Unterschied zwischen den Ländern?
NADESCHKIN: Wenn der Schweizer ein Bier bestellt, sagt er: „Entschuldigung, ich hätte gerne ein Bier.“ Der Deutsche sagt: „Ich krieg’n Bier.“ Deutsche befehlen.
URSUS: Deswegen haben es die Deutschen in der Schweiz nicht leicht, weil jeder denkt: „Was ist das denn für ein arrogantes Arschloch?“ Dabei meint der Deutsche das gar nicht so.
Nee, der hat Durst, und darum sagt er das auch. Kurz und präzise und direkt. Der Keller wird nicht fürs Quatschen bezahlt, oder fürs Zuhören. Und die Bierchen sind auch gleich immer wieder leer, wenn man in Köln ist und aus Reagenzgläsern trinkt. Da ist Eile geboten beim Nachbestellen.
NADESCHKIN: Die Schweiz ist nicht größer als Bayern und hat vier Sprachen. Wenn einer aus den Bergen rätoromanisch spricht, versteht er die Menschen in Zürich schon nicht. Es gibt immer hundert Ansichten, aber nie eine Einigung. Wir müssen immer erst einen Tunnel bauen und können nicht wie in Deutschland direkt losfahren. In der Schweiz muss man immer Umwege machen. Das ist symptomatisch für die Bevölkerung. Deswegen haben es Neuerungen viel schwerer als die alten Angewohnheiten.
So wie die Aufbewahrung des Teppichklopfers im heimischen Kleiderschrank? Diese alte Gewohnheit darf nie abgeschafft werden, wir erinnern daran. Das mit den vier Sprachen in der Schweiz wussten wir auch noch nicht. Gemeint war doch jetzt bestimmt der Kanton Graubünden für sich, oder?
KS: Was ist Eurer Meinung nach der Grund für die unterschiedlichen Temperamente?
URSUS: Es ist erstaunlich, wie die Natur die Menschen beeinflusst. Die Mehrheit der Schweizer sehen einen Berg, wenn sie aus dem Haus treten.
KS: Und zwar einen großen Berg.
NADESCHKIN: Und ziemlich nah.
URSUS: Sie sehen etwas, das größer ist als sie. Dagegen ist man machtlos. Da wird man kleiner, bescheidener, dankbarer.
NADESCHKIN: Ein Berg ist ein Aufwand, etwas, was sich dir in den Weg stellt. Er nimmt dir den Horizont. Die Leute sind ängstlicher.
Diese Theorie von der Umgebung, die einen Einfluss auf das Denken der Menschen hat, wurde im 19. Jahrhundert unter dem Namen „Positivismus“ in Frankreich ernsthaft erforscht:
Der Positivist Hypolite Taine (…) sah die Erkenntnis, aber auch die schöpferische Tat des Künstlers von vier Faktoren bestimmt: Rasse, Milieu, Moment und spezifische Individualität (Genialität).
(Quelle: weltchronik.de)
Das ging im Detail soweit, dass laut Taine im nebeligen und regnerischen Deutschland nur triste Philosophie und Literatur entstehen konnte, und unter dem lichten und blauen Himmel des Mittelmeers die wahren Genies (wie z. B. Napoleon) aufwuchsen.
KS: In Deutschland beneidet man die Schweizer um ihre Neutralität.
NADESCHKIN: Mir hat ein deutscher Kollege gesagt, dass er bei Gastspielen in der Schweiz spüre, dass wir keinen Krieg hatten. Die Aggression sei nicht da.
Ach nein? Der hat noch nie die geheime Landesverteidigung der Schweizer gesehen, vermuten wir mal. Verteidigungsanlagen im Grenzgebiet, egal wohin man schaut. Keine Brücke ohne Löcher für die Panzersperren, kein Pass ohne „Beton-Toblerone“, und keine 300 Opfer durch Ordonanzwaffen im Jahr. Alles so schön friedlich hier.

URSUS: Vieles funktioniert in der Schweiz nicht. Wir haben in der Schweiz keine Stars. Berühmte Schweizer wie Roger Federer, DJ Bobo oder Martina Hingis können unbehelligt in ihrer Stamm-Kneipe hocken. Die Massenphänomene gehen hier nicht. Der Schweizer hat etwas Behäbiges, das Gegenteil von Hysterie.
Jeder kennt jeden, auch an die Promis ist leicht heranzukommen. Bis zum Attentat auf Zug fuhren Bundesräte in Bern mit dem Tram zur Sitzung. Hysterie kommt jetzt erst auf, seitdem jeden Monat 2000 Deutsche mehr in die Schweiz kommen.
KS: Viele Deutsche halten die Schweiz für ein Paradies . . .
NADESCHKIN: Weil wir besser im Verstecken sind. Es ist nicht so, dass es bei uns nur reiche Leute gibt. Wenn man in Deutschland ein Problem richtig laut rausschreit, findet sich immer jemand, der zuhört. Das würde sich ein Schweizer nie trauen. Wenn jemand nicht genug Geld hat, dann schweigt er und guckt, wie er über die Runden kommt.
(…)
Denn über Geld wird nicht geredet, und über nicht vorhandenes Geld noch weniger. Tragisch aber wahr. Die „working poor“, die es auch in der Schweiz gibt, würden lieber verrecken als Hilfe beim Staat zu beantragen. Sogenannte Obdachlose, Penner oder Stadtstreicher, wie sie in Deutschland in jeder Fussgängerzone zu finden sind, muss man in der Schweiz echt suchen gehen. Natürlich gibt es die „Randständigen“, aber zahlenmässig bewegt sich das in wesentlich kleineren Dimensionen als in Deutschland, und auf sie fällt schnell der Lichtstrahl des Rayonverbots und es wird ihnen der Weg gewiesen.






