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Gib Gutzi — Wie Werbung für Jung und Alt in der Schweiz funktioniert

March 12th, 2010

(reload vom 5.1.2007)

  • Die nervigen Herren mit den Schnurrbärten
  • Mit dem Jahreswechsel 2006-2007 ging in der Schweiz die traditionelle Telefonauskunft 111 in Rente. Eine Reihe von Anbietern wetteifern seither am Schweizer Markt um die Gunst der Kunden. Genauso eifrig wie nervig wurden die Schweizer von einem Anbieter mit Werbung bombardiert, der für Sunrise die Auskunft unter der Nummer 1818 betreibt. Von zahlreichen Plakaten lächelten zwei smarte junge Skifahrer im Look der Siebziger und priesen die neue Nummer an.
    Sind die Bärte echt?
    (Quelle Foto: skisstour.ch)

    Wir fanden dazu Hintergrundinformationen im Schweizer reklame-blog:

    Das amerikanische Unternehmen Infonxx führt darum ihre neue Auskunftsnummer 1818 ein. Infonxx bietet in verschiedenen Ländern solche Dienste an. Die Kampagne wird jeweils auf das Land adaptiert.

    Seit ein paar Wochen lernen uns zwei schräge Skihelden die neue Nummer: 1818, Doppel-18, 18 - 18, 2×18. Die Spots sind umwerfend. Wie im neuen Swiss-Clip ist hier der Soundtrack die halbe Miete. Dass die wilden Kerle in ähnlichen Skianzügen stecken wie die von Swisscom gesponserten offiziellen Swissski-Fahrer ist sicher kein Zufall.
    (Quelle: reklame.moblog.ch)

    Der Soundtrack ist eine Coverversion des Mega-Diskohits „Daddy Cool“ von Frank Farian alias „Boney M“ aus dem Jahr 1976. Nichts ist Zufall in diesem Clip, alles ist geplant. Dahinter steckt eine clevere Idee, die junge wie alte Kunden in der Schweiz gleichermassen ansprechen soll.

  • Keine Kekse sondern Vollgas geben
  • Auf den Plakaten tragen die beiden bärtigen jungen Männer gleichfarbige Skianzüge mit der Nummer 18 und geben „Guzzi“, auch manchmal „Gutzi“ geschrieben. Das sind jetzt keine „Guetslis“ Spender, denn diese beliebten Schweizer Kekse schreiben sich mit dem Diphthong “ue”. Werden wir bestimmt nie wieder falsch machen. Im Schwäbischen wären es „Guetsles“, also besonders feine und selbstgebackene Kekse. Hier in der Schweiz denkt man bei „gib guzzi“ eher an eine „Moto Guzzi“ und an den Gummiabrieb der entsteht, wenn bei angezogener Vorderbremse kräftig Gas für den Hinterradantrieb gegeben wird. „Gib guzzi“ findet sich 365 Mal bei Google-CH.

  • Was wollen diese Typen eigentlich?
  • Wir fragten Passanten und Kollegen, was diese jungen Herren zu bedeuten haben, ob diese smarten Typen vielleicht auf irgend ein historisches Schweizer Ereignis anspielen wollten, das uns entgangen war, weil wir da noch nicht im Lande lebten. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die jungen Schweizer finden die Werbung cool und lustig gemacht, vor allem die Filmchen, die es bereits bei YouTube oder hier zu sehen gibt. Mehr aber auch nicht. Keine Information über den Sinn dieser Aufmachung.
    zwei Mal Skianzug mit 18
    (Quelle: sunrise.ch)

  • Wen sprechen diese bärtigen Gesichter an?
  • Diese Werbekampagne richtet sich an eine ganz spezielle Zielgruppe. Wer braucht eine kostenpflichtige und nicht gerade billige Telefonauskunft (1.60 CHF nur schon für den Verbindungsaufbau), wenn es das Gleiche für umsonst im Internet bei tel.search oder auf den Weissen Seiten gibt? Richtig geraten: Die Generation ab 60, die prozentual nicht so häufig online unterwegs ist wie die unter 30jährigen. Und aus welcher Zeit stammen die Frisuren dieser beiden Herren? Aus den 70ern, als die heute Sechzigjährigen selbst um die 30 waren. Sie erinnern sich damit noch sehr gut an die Schweizer Skifahrerlegende Roland Collombin, der als Vorbild für die beiden Männer im Werbespot dient:

    Der Unterwalliser Roland Collombin aus Versegères ist ein ehemaliger Schweizer Skirennläufer, der zu Beginn der 1970er Jahre zur Weltspitze in der Abfahrt zählte. Seine grössten Erfolge sind der zweite Platz bei den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo sowie der Gewinn des Abfahrtweltcups in den Jahren 1973 und 1974. Ausserdem wurde er 1973 Dritter in der Gesamtwertung. Insgesamt gewann der acht Weltcuprennen; dazu kommen drei zweite Plätze. Im Jahre 1975 stürzte Collombin in Val d’Isère so schwer, dass er einige Tage gelähmt war und danach seine Karriere beenden musste.
    (Quelle: matterhornvalley.ch )

    Roland Collombin 1972 in Sapporo
    (Quelle Foto: matterhornvalley.ch )

  • Von 11 zu 18
  • Fällt ihnen auf dem Foto etwas auf? Der Mann fuhr mit der Nummer 11! Und jetzt ist nicht mehr die 11 aus der 111 gefragt für die Auskunft sondern die 18 aus der 1818.
    Roland Collombin heute
    (Quelle Foto: tsr.ch)

    In einem Interview erzählt über sein erstes Rennen:

    Was war Ihr erstes Rennen in der Nationalmannschaft? Welche Erinnerungen haben Sie daran?
    Die Junioren-Europameisterschaft in Madonna di Campiglio mit 18 Jahren. Ich war Erster vor Gustavo Thöni und Grissmann. Damals wurde ich für das darauffolgende Jahr, für meinen ersten internationalen Lauf in Val d’Isère, ausgewählt. Ich erinnere mich daran, dass ich in Val d’Isère einen Rückstand von sechs oder sieben Sekunden hatte. Da verstand ich, dass ich trainieren musste.
    (Quelle: skisstour.ch)

    Mit 18 Jahren!!! Nein, Zufälle gibt es in der Werbung wirklich nicht. “Rückstand von sechs oder sieben”, das ergibt zusammen wieder 11!!! Das kann kein Zufall sein. Alles ist genau aufeinander abgestimmt. Die alten Schweizer freuen sich, die Skifahrerlegende Collombin wiederzusehen, die mit der 11 fuhr, jetzt im Doppelpack 18 + 18, die jungen haben Freude an dem „schrägen Outfit“ der beiden Sportskanonen.
    Collombin 11
    Die Herren 18
    (Quelle Foto: skinet)

    Die Ähnlichkeit von Collombins Fahrstil und dem Fahrstil der beiden bärtigen Herren wird beim direkten Fotovergleich besonders deutlich.

    Leider konnten wir kein Foto von Collombin mit Bart finden. Nur diese Aufnahme aus der Veranstaltungsreihe „Erlebte Schweiz“ von der „Vereinigung zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz“.
    Russi und Collombin
    (Quelle Foto: MemoriaAV)
    Ja, diese Vereinigung gibt es wirklich. Sogar in vier Sprachen:
    MemoriaAV

    Der Name dieser Vereinigung ist ein Mix aus Latein „Memoria“ und Englisch „AV“=Audio Visual, und nicht “Alters-Versorgung”, für das “AV” sonst stets gedacht ist in der Schweiz. Latein und Englisch also, wie immer passend zur den vier Landessprache der Schweizer.

  • Die Bärte sind bestimmt falsch
  • Uns kommt da noch so ein Verdacht: Die beiden Herren sind vielleicht gar keine Bartträger, keine echten Zwillinge und die Bärte sind nur angeklebt? Irgendwann werden sie sicher „inkognito“ erwischt und fotografiert. Ob sie dann dem Roland Collombin noch ähnlicher werden ohne Bart? Ach wie wenig wahrhaftig ist Werbung! Nicht einmal wenn es um eine Schweizer Ski-Legende geht. Wir bleiben dran.

    Heute schon ein Vorurteil gepflegt? Warum jedes Land seine Ossis hat

    March 1st, 2010

    (reload vom 15.12.06)

  • Innerschweizer Nettigkeiten
  • Die Zürcher mögen die Basler wenig, sie sind vielleicht eifersüchtig auf deren europäische Lebensstil im Dreiländereck mit Deutschland und Frankreich. Wären sie doch selbst gern eine „Weltstadt“ , und auf die locker-gelöste Art der Basler, mit der am Rheinknie die Fasnacht ohne Zwänge und Riten gefeiert wird, sowie natürlich auf die erfolgreiche Wirtschaft.

  • Die Zürcher sind die Deutschen der Schweiz
  • Die Basler wiederum mögen, wie die meisten anderen Kantone auch, die Zürcher nicht so sehr. Die Anerkennung und Beliebtheit eines Zürchers in der Schweiz (ausserhalb von Zürich) ist vergleichbar der Situation von Deutschen in Zürich. Sie gelten als arrogant, überheblich, etwas vorlaut und immer mit der Überzeugung daherkommend, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Alle Schweizer sind sich einig gegen die Zürcher, weil die so schnell „schnurren“, ohne deswegen Ähnlichkeiten mit Katzen zu haben.

    Die Beliebtheit gewisser Landesteile lässt sich gut an der Beliebtheit der Dialekte ablesen:

    So wurde gemäss einer Umfrage aus dem Jahr 2002 der Walliserdialekt von 20% der Befragten als beliebtester Dialekt angegeben. Noch beliebter war Berndeutsch (27%), während der Zürcher Dialekt nur gerade von 10% der Befragten als Lieblingsdialekt genannt wurde.
    (Quelle: swissworld.org)

    Die genaue Rangfolge sah so aus (von sehr beliebt bis am am wenigsten beliebt)
    1. Bern
    2. Bünderland (Attribut heimelig, warm, abwechslungsreich)
    3. Wallis (urig, lebhaft, freundlich)
    4. Uri
    5. Basel
    6. Luzern
    7. Zürich
    8. Appenzell
    9. St. Gallen
    10. Thurgau (grell, ungünstig, kalt)

    Wir hörten diese Reihenfolge zitiert bei einem Vortrag auf dem SAL Forum. Die Quelle ist nur wage belegt, das Material erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch auf Korrektheit. Auch ist nicht bekannt, wie diese Daten erhoben wurden, wieviele Menschen befragt wurden etc.

  • Wer aus Bern oder aus dem Wallis kommt hat es leichter
  • Jetzt ist auch klar, warum im Schweizer Fernsehen gern ein Moderator aus dem Wallis eingesetzt wird, wie Patrick Rohr, der uns jedoch einmal verriet, dass er selbst als “Vorzeige-Walliser” diesen Dialekt erst als dritte Muttersprache mit ca. 14 Jahren zu lernen anfing. Es hat sich für ihn beruflich gelohnt.

  • Wehe wenn Sie aufeinander losgelassen
  • Die sonst nach aussen so harmonisch und freundlich auftretenden Schweizer sind tief im Innersten ein ganz schön zerrissenes Völkchen. Der viel zitierte „Kantönligeist“ ist dafür nur ein beschönigender Ausdruck. Kommt es zu einem spielerisch gemeinten Wettbewerb zwischen den Kantonen, sei es bei einer Casting-Show wie „MusicStar“ oder einem anderen Wettstreit im Schweizer Fernsehen, wird sich mächtig für den eigenen Kanton ins Zeug gelegt.

  • Der Aargau liegt zwischen Basel und Zürich
  • Basler und Zürcher lächeln gemeinsam über den Aargau, dem „Rüebliland“ und Zwischenkanton, über den die wichtigste Aussage „er grenzt an Basel und an Zürich“ geradezu sprichwörtlich ist. Es fällt auf, dass der Kanton Aargau im “Dialekt-Ranking” gar nicht erwähnt wird. Er ist “Niemandsland” für die Schweizer. Sprachlich eher an Zürich ausgerichtet, mit dem Herzen jedoch eher in Bern. Die Jurabewohner im jüngsten Kanton hingegen reagieren allergisch auf Bärndütsch und auf jegliche Bevormundung aus dieser Richtung.

    Die Walliser wiederum finden, dass alle, die von hinter den Bergen kommen und nicht aus ihrem Tal stammen, „Grüezis“ sind und das man denen lieber misstrauen sollte. Ganz unten auf der Dialekt-Beliebheitsskala steht der Thurgau. Man könnte die Einwohner des Thurgaus auch als die „Ossis der Schweiz“ bezeichnen. Der Begriff “Ossi” passt, weil der Kanton so weit im Osten liegt. Es ist also auch in der Schweiz möglich, noch unbeliebter als die viel gescholtenen Zürcher zu sein.

  • Jedes Land braucht seine Ossis
  • Als Otto Walkes in den Siebzigern durch Deutschland tourte und ganze Hallen mit seinen Live-Auftritten zum Kochen brachte, ward der Ostfriesenwitz geboren. Deutschlands Ossis waren bekannt für ihre langsame Sprechweise, ihre logische Art zu Denken und für die roten Halstücher, mit denen sie die Holzgewinde am Hals der jungen Mädchen versteckten.

    Die nächsten Ossis kamen dann nicht mehr aus Ostfriesland, sondern nach der Wende im November 1989 aus dem richtigen Osten, „Zonengabi mit ihrer ersten Banane“ war ein Klassiker der Satirezeitschrift Titanic:
    Zonengabi und ihre erste Banane
    Gezeigt wurde ein ostdeutsches Mädchen mit einer geschälten Gurke in der Hand.

  • Die Ossis der Schweiz wohnen im Thurgau
  • Die Thurgauer erinnern uns in der Beschreibung an all die Klischees, die einst einem Mantafahrer nachgesagt wurde: Weisse Tennissocken in Sandalen, Jogginganzug beim Einkauf und ein liebevoll aufgemotztes Auto mit Kenwood-Aufkleber.

  • Im Ruhrgebiet EN, im Breisgau EM
  • Dass die Prinzipien der soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung nicht nur in der Schweiz existiert, können wir an Hand des Ruhrgebiets belegen. Dort ist das Autokennzeichen „EN“ für „Ennepe-Ruhr-Kreis“ das deutliche Brandzeichen für ein zünftiges Landei. Wer dieses Kennzeichen fährt, hat quasi Narrenfreiheit beim Abbiegen, Vordrängeln oder Parken im eingeschränkten Halteverbot. In der Französischen Provinz sind es die 75er Nummernschilder, die den Pariser beim Landbesuch verraten, und im badische Oberzentrum Freiburg im Breisgau haben die Kennzeichen EM für den Landkreis Emmendingen und VS = Schwarzwald-Baar-Kreis (von Villingen-Schwenningen) für die Freiburger deutliche Warnfunktion.

  • Pflegen wir weiter unsere Klischees
  • Ist es nicht klasse, wie praktisch sich die ganze Welt in Gut und Böse, in Schlaue und Dumme, in freundliche und in arrogante Menschen einteilen lässt? So herrscht wenigstens Ordnung und jedermann weiss genau, woran er beim anderen ist. Nachdenken oder selbst ein Urteil bilden ist nicht mehr nötig. Spart einfach eine Menge Zeit. Und wo lassen Sie denken?

    Das freute den gefreuten Gefreiten — die gefreute Sache

    January 13th, 2010

    (reload vom 8.11.06)

  • Ungefreut gefreut
  • Auch nach 6 Jahren in der Schweiz konnte es uns immer noch passieren, dass wir im Tages-Anzeiger einen völlig neuen und doch irgendwie bekannten Ausdruck entdeckten. Das reute uns, will sagen, das „freute uns“, denn die Sache, die wir lasen, war schon vorgefreut freundlich:

    Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 6.11.06:
    Gefreute Sache im Tagesanzeiger
    und fanden gleichfalls im Tages-Anzeiger Online:

    Wenn daraus 270 km werden, weil nur 13 kg Gas reingehen, ist das gerade beim derzeit noch dünnen Tankstellennetz keine gefreute Sache.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Zugegeben, der letzte Beleg ist schon etwas älter. „Gefreute Sachen“ fanden sich aber gleichwohl noch an 166 Mal weiteren Stellen bei Google-Schweiz.

    Aber es gibt auch andere gefreute Dinge.

    „In dem Sinne wünsche ich allen eine gefreute Zeit ihn Biel.“
    (Quelle: bijou.ch)

    Oder

    Es sei auch deutlich geworden, dass die Bildungskommission eine gefreute Kommission sei.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Und siehe, ein erfreulicher Blick in unseren Duden verrät uns, was für ein angenehmes Wort wir da soeben gelernt haben:

    gefreut (schweiz.): erfreulich, erwünscht, angenehm: gefreute Leute; die Familienverhältnisse sind nicht sehr gefreut.
    (Quelle: duden.de)

    Ob es also beim Militär auch gefreute Gefreite gibt ? Oder gefreite Gefreute?

    Es wird Zeit, den Staub von Grimms Wörterbuch zu pusten und mal nachzusehen, wie lange schon gefreut wird:

    GEFREUT, part. zu sich freuen, alem. als adj. gebräuchlich: ungefreut, still, finster, ein ungefreuter mensch. STALD. 2, 516 (mhd. Helmbrecht 1655). auch von dingen, wie fröhlich, froh machend: ein gefreutes gut, angenehmes landgut, ein ungefreuter mensch, mit abstoszendem betragen STALDER 1, 398, vgl. TOBLER 219b; sie .. würden lieber klein und gfreut, als wolfeil und breit eingekauft haben. FELDER sonderl. 1, 50.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    „Alemannisch als adjektiv gebräuchlich“, also eindeutig Süddeutschland / Schweiz spezifisch. Das Gegenteil von ist „ungefreut“, und so werden vom SAC-Bern die Schneeverhältnisse beschrieben:

    Die Wetter- und Schneeverhältnisse sind derart ungefreut, dass wir auf etwa 2600 Metern den „Übungsabbruch“ beschliessen.
    (Quelle: sac-bern)

    Immerhin kein Unterbruch der da als Entscheid gefällt wurde.

    Wenn der Esel am und der Ochs vorm Berg steht — Wie erkennt man einen Schweizer an seinen idiomatischen Wendungen?

    January 11th, 2010

    (reload vom 6.11.06)

  • Ochs und Esel stehen am/vorm Berg
  • Jeder, der sich schon einmal mit dem Lernen von Sprachen beschäftigt hat, weiss, dass es da ausser Grammatik und Vokabular noch eine weitere Ebene gibt, die extrem schwierig zu lernen ist. Man lernt sie automatisch mit der der eigenen Muttersprache, oder lernt sie unbewusst passiv durch ausgiebige Lektüre. Die Rede ist von „idiomatischen Wendungen“, von Sprichwörter und Redensarten. In der Schweiz wird das in der Schule gelehrt und gelernt.

  • Morgens noch schnell die Redewendungen lernen
  • So wurden wir Zeuge, wie Berufschüler in der S-Bahn von Zürich sich morgens gegenseitig die Bedeutungen von “Morgenstund hat Gold im Mund” (das Leitmotiv der Zahnärzte), “Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht” und “Die Axt im Haus ersetzt den Ehemann” abfragten, wie Englisch oder Französisch-Vokabeln. Sie lernten dies für den Deutschunterricht. Eine Prüfung dazu war angekündigt worden. Sie tun gut daran, sich in diesen idiomatischen Wendungen fit zu halten, denn ohne diese Formulierung versteht man heute keine Zeitung und keine Nachrichtensendung.

    Ochs und Esel haben viel zu tun
    (Quelle Foto: fraema.it)

    Doch Vorsicht: Jedes Land im deutschsprachigen Europa kennt da eigene Varianten. Ochs und Esel zum Beispiel, aus der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus allen bekannt, machten sich auf nach Europa, und kamen zu den Alpen, wo sie stehen blieben. Der Ochs stand “vorm Berg“, und der Esel “am Berg“.
    Google kennt 88 Belege für “wie der Esel am Berg”. Unser Variantenwörterbuch aus dem DeGruyter Verlag meint zum Stichwort Berg:

    *[dastehen] wie der Ochs vorm Berg AD;
    *dastehen wie der Esel am Berg CH (salopp) “verdutzt, ratlos [sein]; mit einer Situation überfordert [sein]. Betreten sass der Junge da wie der Ochs vorm Berg (OÖN 3.3.2001, 16;A); Oft stehen wir da wie der Esel am Berg, wenn wir ausländische Gäste etwas über unser Land erzählen müssen (TA 20.8.1006, Internet; CH);

  • Wieso gibt es diese beiden Varianten?
  • Nun gilt es noch herauszufinden, wieso es zu dieser feinen Differenzierung kam. „Ochs vorm“ ist ein Binnenreim mit doppeltem „O-Laut“. „Esel am Berg“ hingegen, da werden wir nicht schlau draus. Vielleicht spielt da noch die zweite Bedeutung vom „dummen Esel“ mit hinein? Es lässt sich nicht endgültig begründen, warum die eine Formulierung in Österreich und Deutschland, die andere jedoch in der Schweiz üblich ist. Je nachdem, ob sie ihrem Text eine „Standarddeutschefärbung“ oder mehr den helvetischen Grundton geben wollen, sollten sie lieber den „Oxen vorm Berg“ oder den „Esel am Berg“ wählen. Nur sollten sie beide Redewendungen niemals mischen, also keinen „Oxen am Berg“ und keinen „Esel vorm Berg“ platzieren. Das ist Stilbruch, und fast so grausig wie „das schlägt dem Fass den Boden mitten ins Gesicht“ oder „der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum“. Knapp daneben ist eben meistens auch vorbei.

  • Was der Ochs oder Esel sonst alles so aufhalten
  • Dann gibt es da noch den berühmten Ausspruch Erich Honeckers vom 6. Oktober 1989, im Palast der Republik anlässlich des vierzigsten Geburtstags der DDR vorgebracht:

    Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf
    (Quelle: FAZ vom 22.12.98, zitiert nach “Die DDR im WWW“)

    Der äusserst lesenswerte FAZ-Artikel führt aus, dass dieser Spruch schon 100 Jahre mehr auf dem Buckel hat und aus einer Zeit stammt, als sozialdemokratische und christliche Weihnachten bitter in Konkurrenz zu einander standen.

    Seit dieser Zeit müssen Ochs und Esel alles nur erdenkliche Aufhalten: Den Sozialismus, den Kapitalismus, den Kommunismus, aber auch die Globalisierung, und sie schaffen es nicht. 627 Belege finde sich bei Google. Sie stehen also quasi nicht mehr vor oder am Berg, sondern nur noch im Lauf, und halten dennoch nichts auf. Was für eine Wende.

    Machen Sie auch klein in Mode? — Mödelis in der Schweiz

    January 7th, 2010

    (reload vom 30.10.06)

  • Mödeli sind nicht immer aus Butter
  • Grosse Mode kennen wir, die kommt aus Mailand oder aus Paris. Kleine Mode muss verkleinert werden, in der Schweiz hilft uns da ein „li“ am Ende. Kein „Mödchen“ oder „Modilein“ sondern ein „Mödeli“ soll es sein, wenn man von der kleinen Mode spricht. Oder in der Mehrzahl von „den kleinen Mödeli“. Die sind uns in der Schweiz häufiger zu Ohren oder vor die Augen gekommen, die „Mödeli“. Zeit also, diesem Modewort einmal nachzugehen. Unser Slängikon sagt uns, „es Mödeli“das sei Anke. Nein, nicht die Anke Engelke, sondern die Butter-Anke. „Für mich auch Butter“ = „anche per me“, wie die Italiener sagen.

    Gemeint ist eigentlich nicht die Butter selbst, sondern die hübsche Form, mit der man apart aussehende Butterstückchen formt und auf einem Frühstücksbuffet präsentier.
    Butter Mödeli
    (Quelle Foto: zumbiline.ch). Man könnte natürlich auch einfach einen Kamm nehmen und damit ein paar hübsche Linien ziehen in die Butter, aber so sieht es einfach viel netter aus.

    Mödeli definiert Kurt Meyer so:

    Das flach rechteckig (in einem Model) gepresste Stück zu 100 oder 200 g, in dem die Butter im Einzelhandel verkauft wird. Artikel 103 der Eidgenössischen Lebensmittelverordnung verlangt, dass Margarine modelliert nur in Würfelform in den Handel gelangen darf. Die Mödeliform wurde ausdrücklich der Butter vorbehalten, um Verwechslungen auszuschliessen (NZZ 2.10.68)
    (Quelle: Schweizer Wörterbuch, S. 184)

    Wenn man Sie also einst zum „Modelschnitzen“ einlädt, dann will man nicht an der Model-Karriere der Haustochter arbeiten, sondern diese Holzteile herstellen. Hiermit werden sie geformt, die Mödeli:
    Mödeli für die butter
    (Quelle Foto: wyyparadiesli.ch)

  • Wenn die Form zum Inhalt wird
  • Form und Inhalt tauschten die Bedeutung, das passiert in Sprachen beim Bedeutungswandel nicht selten. Aus dem dicken Tongefäss, dem „testa“ = Tonscherbe, wurde in Frankreich der Kopf, der aussah wie ein Tongefäss, also „tête“ (diese kleinen Zirkumflexe stehen immer für ein früheres „s“ hinter dem Vokal, so wie bei Hostel > Hôtel). Doch zurück zur Butter, zur Anke, zum Mödeli! Gibt es neben der Butter nicht noch eine andere Bedeutung?

    Wir lasen im Internet über den Radiomoderator Pat Stöpper:

    das schreibt Laurent Rueff über die Mödeli von Patrick Stöpper
    (Quelle: www.basel1.ch)

    Ob der Mann Butter ins Haar tut, weil er Mödeli hat?
    Oder:

    Mödeli: Unterhose im Badezimmer liegen lassen
    Mödeli: Haar zwirlä
    Mödeli: Bi mängmal chli en Chaot und mach oft alles im letschte Moment
    (Quelle: Verein junger Skifahrer “jungschi.ch“)

    Hier geht es definitiv nicht um Butter oder Mode, sondern um „Modus“ = lat. Art und Weise etwas zu tun, um Macken, Angewohnheiten, kleine Eigenarten. Der Kontext der Verwendung von „Mödeli“ lässt diesen Schluss zu, so ganz sicher sind wir aber nicht bei der Beantwortung der Frage, wie aus einer „kleinen Mode“ ein „grosser Tick“ werden konnte.