(reload vom 25.01.2007)
Krankenschwestern gibt es hier nicht (mehr)
Die Berufsbezeichnung „Krankenschwester“ bzw. „Krankenpfleger“ ist in Deutschland gesetzlich geschützt. Sie galt bis zum 31.12.2003 und wurde dann durch die Bezeichnung “Gesundheits- und Krankenpfleger/in” ersetzt [Danke für den Hinweis an Kiki]. Man darf sie nur mit entsprechendem staatlichen Examen, bei dem man eine Urkunde erhält, führen. In der Schweiz wird das Diplom für die Pflegekräfte nicht vom Staat, sondern von einer caritativen Einrichtung wie dem Roten Kreuz nach einer Prüfung vergeben. Damit verbunden ist der Nachteil, dass eine Schweizer Krankenschwester nicht so einfach in England oder Frankreich in ihrem Beruf arbeiten kann, ohne dort erst die Prüfung nachzuholen. Sonst kann sie nur als “unqualifizierte Pflegehilfe” eingesetzt (und bezahlt) werden. In Gesprächen mit verschiedenen Schweizer Pflegekräften, die hier längst nicht mehr „Krankenschwester“ sondern „Dipl. Pflegefachfrau“ auf dem Namenschild stehen haben, fragte ich nach Geschichten und Erfahrungen mit Deutschen Kollegen auf Station. Eine Schweizerin erzählte, dass es da ziemliche Unterschiede gäbe, je nachdem ob man in einem kleinen ProvinzBezirksspital oder einer grosse Uni-Klinik arbeitet.
Dienstanweisung für Deutsche
So seien in der Nähe der Grenze deutlich mehr Pflegekräfte aus Deutschland beschäftigt, weil dorthin das Berufspendeln leicht möglich ist und nur eine Grenzgängerbewilligung gebraucht wurde. In einem solchen Bezirksspital unweit der deutschen Grenze erlebte sie einmal den Unmut unter den Patienten darüber, dass fast ausschliesslich Personal aus Deutschland eingesetzt wurde. Die Pflegeleitung startete dann eine anonyme Umfrage um zu erfahren, was die Patienten an den Deutschen Fachkräften denn störte. Das Ergebnis floss in eine „Dienstanweisung“ ein, die in Zukunft massregeln sollte, wie der Umgang mit den Patienten abzulaufen hat. Ziel war es, vermehrt „schweizerisch“ zu arbeiten, was auch immer damit genau gemeint war.
Kollektive Kündigung statt Konsensfindung
Deutlicher kann sich der Schweizer-Deutsche „Kulturkonflikt“ nicht manifestieren. Die Deutschen Pflegekräfte solidarisierten sich und organisierten Widerstand gegen diese „Zurechtweisung von Oben“. Es kam nicht zum Dialog oder zur Konsensfindung sondern zum grossen Knall. Schliesslich kündigt gleich sechs Deutsche Krankenschwestern auf einmal und verliessen das Spital. Die Schweizerin, die mir das erzählte, wurde von ihrer Pflegedienstleitung dazu verdonnert, über diese Geschichte nicht in der Öffentlichkeit zu reden. Schweigegelübte über Deutsch-Schweizer Dienststreitigkeiten. Sie haben sich im Team sehr wohl mit ihren deutschen Kolleginnen gefühlt, der Ärger war einzig durch die harsche Vorgehensweise der Pflegedienstleitung eskaliert.
Helvetische Höflichkeit muss erst verstanden sein
Ich fragte sie dann, was denn konkret so schwierig gewesen sei für die Deutschen Schwestern im Umgang mit den Patienten. Diese monierten die „forsche und direkte“ Art, und das „mangelnde Verständnis für Schweizer Höflichkeit“.
Konkret gesagt: Als eine Patientin die deutsche Krankenschwester (auf Schwiizerdütsch) bat „Könnten Sie mir bitte bei Gelegenheit, wenn es Ihnen nichts ausmacht und Sie etwas Zeit haben, vielleicht einen Kaffee bringen?“, nahm diese die Aussage der Patientin wörtlich und wartete zu lange mit der Erfüllung des Wunsches.
Gemeint hatte die Patient nämlich: „Ich hätte jetzt gern einen Kaffee“. Viele Schweizer schütteln sich vor Widerwillen, wenn sie den den klassischen Satz hören, mit dem in Deutschland manchmal dieser Wunsch geäussert wird: „Ich kriege einen Kaffee!“. Wer dabei lächelt und freundlich guckt, wird deswegen nicht als schlecht erzogen betrachtet in Deutschland.
Die Schweizerin führte ihre Kollegin ein in diese „helvetischen Höflichkeit-Codes“. Anderseits bemühten sich die deutsche Kollegin, beim Vokabular schnell auf den alemannischen Stand zu kommen. Es heisst nicht: „Könnten Sie bitte mal Ihren verlängerten Rücken anheben“, sondern „Täten Sie bitte das Füedli lupfe“. Und auch nicht: „Machen Sie bitte den Mund auf…“ sondern „ … das Muul uff“. Bei einer älteren Patientin einfach so vom „Maul“ zu reden, schockierte die Deutsche Kollegin erst mal. In Deutschland hört man das Wort bei Menschen nur im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Ruhe: „Halts Maul“. Doch alles ist lernbar, auch die „Finken“ an den Füssen an Stelle der teutonischen „Puschen“.
Willkommen beim Sport mit dem Spootdienst
Persönlich lernte ich im Spital auf Station noch einmal die feinen Unterschiede zwischen „Serviette“, „Tuech“, „Badtuech“, „Tuechli“ und „Nastuechli“. Alles kam vor, nur mein Wunsch nach einem „Handtuch“ wurde nicht gleich verstanden von der nur Schweizerdeutsch sprechenden ausländischen Pflegehilfe. Ein Anreiz mehr, in Zukunft meine Schweizerdeutsche Sprachkompetenz weiter auszubauen, damit solche Kommunikationspannen nicht mehr passieren. Und mit dem Satz „Ich bin der Spootdienst“ hat sich nicht der „Sportdienst“ vorgestellt, wie ich erst zu verstehen meinte, sondern die Kollegin vom „Spätdienst“ = Spätschicht, mit Heimatort Schaffhausen.