google
yahoo
bing

Zeit haben oder nicht — Henn Si Ziit?

May 27th, 2010
  • Da rollt der Gehwagen
  • Neulich war ich zu Fuss in der Altstadt von Bülach unterwegs, die man auch mit dem Auto befahren darf, allerdings nur mit 10 KM/h, also ich einer alten Dame mit einem sogenannten „Rollator“, auch „Gehwagen“ oder „Walker“ genannt, begegnete, so voll bepackt mit Einkaufstüten, dass sie dieses Teil kaum mehr schieben konnte.

    Foto: Joern Van Selow
    (Quelle Foto: Joern Van Selow joernvanselow.de)

    Während mir noch durch den Sinn ging, dass ich dieser Frau doch eigentlich helfen könnte, ihre Einkaufstaschen nach Hause zu tragen und gerade ansetzen wollte, ihr diese Unterstützung anzutragen, schaut sie mich geradeheraus an und fragte mich:

    „Henn Si Ziit?“

    Bevor jetzt der Streit über die korrekte Verschriftung beginnt: es kann auch „Han Si Ziit“ oder „Henn Si z´Zit“ gewesen sein, so fit bin ich nicht in der Verschriftung von gehörtem Schweizerdeutsch. Jedenfalls strahle ich sie an und sage: „Ja, grad das wollte ich auch sagen“, als sie mit deutlicher Kopfbewegung auf meine Armbanduhr verweist: Ob ich die Zeit habe, also ihr sagen kann, wie spät es ist.

    Also doch kein Robin-Hood-mässiger Einsatz gefordert, keine tägliche gute Tat der Pfadi ( bei denen ich im Übrigen nie war, denn die waren katholisch, da ging man nicht hin in meiner Kindheit), sondern lediglich eine Auskunft. Ich sagte ihr die Uhrzeit und liess sie mit ihrem Rollator weiterziehen, ohne helfende Hand.

  • Den Artikel überhört?
  • Was war hier schief gelaufen in der unserer Kommunikation? Hatte ich da vielleicht einen Artikel überhört: „Henn Si d’Ziit“? = “Haben sie DIE Zeit?” Fast 10 Jahre in der Schweiz und man kann mich noch nicht einmal einfach nach der Uhrzeit fragen, ohne dass ich das gleich missverstehe. Tragisch. Die Zeit habe ich übrigens. Liegt jeden Donnerstag im Milchflaschenfach unseres Briefkastens.

    Wo kann ich Chli Tüütsch unterrichten?

    May 24th, 2010
  • Kurse für Chli Tüütsch gesucht
  • Wer momentan als Deutscher mit offenen Augen durch die Schweiz wandert, wird viele merkwürdige Plakate unterwegs entdecken. So schaute uns dieser sympathisch blickende junge Mann tief in die Augen und sagte: „Lehr chli Tüütsch und red mit de Lüüt“.

    Lehr chli Tüütsch
    (Quelle: Privates Foto)

    Wir sollen also irgend jemanden „Chli Tüütsch“ lehren? Nein, als schon lang zugezogene Deutsche haben wir gleich verstanden, dass es hier nicht ums „lehren“ = „unterrichten“ geht, sondern ums „lernen“. Nicht Kurse geben, sondern in einen Kurs gehen sollen wir. Um was zu lernen? „Chli Tüütsch“. Eine interessante Sprache muss das sein, die uns helfen soll „mit de Lüüt“ zu reden, soviel ist klar. Wo gibt es Kurse für „Chli Tüütsch“? In der Klubschule bei der Migros? Steht „Chli Tüütsch“ vielleicht irgendwie für eine lässig verkleinerte Schweiz „CH + LI“. Oder ist das wohlmöglichkeit die Sprache der „Confoerderatio Helvetica“ zusammen mit der Sprache von Lichtenstein = „LI“?

  • Lerne Deutsch
  • Um hinter das Geheimnis der Aussage dieses Plakates zu kommen, lesen wir das Kleingedruckte links, das sich in vielen Sprachen dort zur Erklärung findet. Ganz zu oberst neben einer Deutschlandflagge finden wir die Anweisung:

    Lerne Deutsch und sprich mit den Leuten.

    Lerne Deutsch und sprich mit den Leuten
    (Quelle: Privates Foto)

    Nun geht uns ein Licht auf. Alles ist ganz klar erkennbar. Wir sollen als Deutsche in diesem Land Deutsch lernen und dann mit den Leuten sprechen. Das ist eine nette Aufforderung zur Kommunikation. Wo finde ich einen Deutschkurs? Aber Moment mal: Ich habe diesen Satz ja verstanden, auch ohne Kurs. Warum soll ich jetzt Deutsch lernen um mit den Leuten zu reden? Die Schweiz ist schon ein kompliziertes Land irgendwie.

    Nur ein Plakat dieser beeindruckenden Reihe ist fast komplett auf Hochdeutsch verfasst:

    “Sag doch statt ‚Ich krieg dann mal!‘ Lieber ‚Bitte könnte ich vielleicht?“

    Ich kriege dann mal
    (Quelle: www.integration.zh.ch)
    Ob für dieses Foto eigentlich Stefan Raab als Model genommen wurde?

  • Ich vielleicht ein Bier
  • Wie macht man das in der Kneipe an der Theke? „Ich krieg dann mal ein Bier“ ist falsch in der Schweiz. „Bitte könnte ich vielleicht ein Bier“ ist die vollständige und korrekte Form in der Schweiz. Das haben die hier „lieber“. Ob die dann auch ein Bier kriegen? Oder es nur lieber können? Übersetzt wurde dieser hochdeutsche Satz dann noch mit „Lerne unsere Umgangsformen“. Das werden wir jetzt täglich trainieren: „Bitte könnte ich vielleicht.. bitte könnte ich vielleicht … bitte könnte ich vielleicht.“ Kann ich dann, oder kann ich dann nicht? Vielleicht! Und nicht vergessen: “Lerne Deutsch!

  • Ist ihr Auto verschlossen?
  • Weitere Plakatideen zu dieser Aktion des Kantonalen Beauftragten für Integrationsfragen kamen postwendend von der Redaktion des Nebelspalters.
    Ist ihr Auto verschlossen?
    (Quelle: Nebelspalter Nr. 8 -2010, S. 16)

    Wie arbeitet man “schweizerisch”? — Neue Geschichten aus dem Schweizer Spitalleben

    May 12th, 2010

    (reload vom 25.01.2007)

  • Krankenschwestern gibt es hier nicht (mehr)
  • Die Berufsbezeichnung „Krankenschwester“ bzw. „Krankenpfleger“ ist in Deutschland gesetzlich geschützt. Sie galt bis zum 31.12.2003 und wurde dann durch die Bezeichnung “Gesundheits- und Krankenpfleger/in” ersetzt [Danke für den Hinweis an Kiki]. Man darf sie nur mit entsprechendem staatlichen Examen, bei dem man eine Urkunde erhält, führen. In der Schweiz wird das Diplom für die Pflegekräfte nicht vom Staat, sondern von einer caritativen Einrichtung wie dem Roten Kreuz nach einer Prüfung vergeben. Damit verbunden ist der Nachteil, dass eine Schweizer Krankenschwester nicht so einfach in England oder Frankreich in ihrem Beruf arbeiten kann, ohne dort erst die Prüfung nachzuholen. Sonst kann sie nur als “unqualifizierte Pflegehilfe” eingesetzt (und bezahlt) werden. In Gesprächen mit verschiedenen Schweizer Pflegekräften, die hier längst nicht mehr „Krankenschwester“ sondern „Dipl. Pflegefachfrau“ auf dem Namenschild stehen haben, fragte ich nach Geschichten und Erfahrungen mit Deutschen Kollegen auf Station. Eine Schweizerin erzählte, dass es da ziemliche Unterschiede gäbe, je nachdem ob man in einem kleinen ProvinzBezirksspital oder einer grosse Uni-Klinik arbeitet.

  • Dienstanweisung für Deutsche
  • So seien in der Nähe der Grenze deutlich mehr Pflegekräfte aus Deutschland beschäftigt, weil dorthin das Berufspendeln leicht möglich ist und nur eine Grenzgängerbewilligung gebraucht wurde. In einem solchen Bezirksspital unweit der deutschen Grenze erlebte sie einmal den Unmut unter den Patienten darüber, dass fast ausschliesslich Personal aus Deutschland eingesetzt wurde. Die Pflegeleitung startete dann eine anonyme Umfrage um zu erfahren, was die Patienten an den Deutschen Fachkräften denn störte. Das Ergebnis floss in eine „Dienstanweisung“ ein, die in Zukunft massregeln sollte, wie der Umgang mit den Patienten abzulaufen hat. Ziel war es, vermehrt „schweizerisch“ zu arbeiten, was auch immer damit genau gemeint war.

  • Kollektive Kündigung statt Konsensfindung
  • Deutlicher kann sich der Schweizer-Deutsche „Kulturkonflikt“ nicht manifestieren. Die Deutschen Pflegekräfte solidarisierten sich und organisierten Widerstand gegen diese „Zurechtweisung von Oben“. Es kam nicht zum Dialog oder zur Konsensfindung sondern zum grossen Knall. Schliesslich kündigt gleich sechs Deutsche Krankenschwestern auf einmal und verliessen das Spital. Die Schweizerin, die mir das erzählte, wurde von ihrer Pflegedienstleitung dazu verdonnert, über diese Geschichte nicht in der Öffentlichkeit zu reden. Schweigegelübte über Deutsch-Schweizer Dienststreitigkeiten. Sie haben sich im Team sehr wohl mit ihren deutschen Kolleginnen gefühlt, der Ärger war einzig durch die harsche Vorgehensweise der Pflegedienstleitung eskaliert.

  • Helvetische Höflichkeit muss erst verstanden sein
  • Ich fragte sie dann, was denn konkret so schwierig gewesen sei für die Deutschen Schwestern im Umgang mit den Patienten. Diese monierten die „forsche und direkte“ Art, und das „mangelnde Verständnis für Schweizer Höflichkeit“.
    Konkret gesagt: Als eine Patientin die deutsche Krankenschwester (auf Schwiizerdütsch) bat „Könnten Sie mir bitte bei Gelegenheit, wenn es Ihnen nichts ausmacht und Sie etwas Zeit haben, vielleicht einen Kaffee bringen?“, nahm diese die Aussage der Patientin wörtlich und wartete zu lange mit der Erfüllung des Wunsches.

    Gemeint hatte die Patient nämlich: „Ich hätte jetzt gern einen Kaffee“. Viele Schweizer schütteln sich vor Widerwillen, wenn sie den den klassischen Satz hören, mit dem in Deutschland manchmal dieser Wunsch geäussert wird: „Ich kriege einen Kaffee!“. Wer dabei lächelt und freundlich guckt, wird deswegen nicht als schlecht erzogen betrachtet in Deutschland.

    Die Schweizerin führte ihre Kollegin ein in diese „helvetischen Höflichkeit-Codes“. Anderseits bemühten sich die deutsche Kollegin, beim Vokabular schnell auf den alemannischen Stand zu kommen. Es heisst nicht: „Könnten Sie bitte mal Ihren verlängerten Rücken anheben“, sondern „Täten Sie bitte das Füedli lupfe“. Und auch nicht: „Machen Sie bitte den Mund auf…“ sondern „ … das Muul uff“. Bei einer älteren Patientin einfach so vom „Maul“ zu reden, schockierte die Deutsche Kollegin erst mal. In Deutschland hört man das Wort bei Menschen nur im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Ruhe: „Halts Maul“. Doch alles ist lernbar, auch die „Finken“ an den Füssen an Stelle der teutonischen „Puschen“.

  • Willkommen beim Sport mit dem Spootdienst
  • Persönlich lernte ich im Spital auf Station noch einmal die feinen Unterschiede zwischen „Serviette“, „Tuech“, „Badtuech“, „Tuechli“ und „Nastuechli“. Alles kam vor, nur mein Wunsch nach einem „Handtuch“ wurde nicht gleich verstanden von der nur Schweizerdeutsch sprechenden ausländischen Pflegehilfe. Ein Anreiz mehr, in Zukunft meine Schweizerdeutsche Sprachkompetenz weiter auszubauen, damit solche Kommunikationspannen nicht mehr passieren. Und mit dem Satz „Ich bin der Spootdienst“ hat sich nicht der „Sportdienst“ vorgestellt, wie ich erst zu verstehen meinte, sondern die Kollegin vom „Spätdienst“ = Spätschicht, mit Heimatort Schaffhausen.

    Heimatfreunde für die Swissair — Vom Munitionieren und der Munot

    May 6th, 2010

    (reload vom 24.01.07)

  • Heute schon jemanden munitioniert?
  • Constantin Seibt schreibt in einem sehr interessanten Hintergrundartikel zum Niedergang der Swissair im Tages-Anzeiger vom 16.01.07:

    Die Überlebensstrategie der Swissair 1992 hiess Alcazar: eine Fusion mittelgrosser europäischer Fluglinien – AUA,KLM, SAS und Swissair. Dieses Projekt – im Nachhinein wurdes es von vielen als letzte Chance der Swissair begriffen – scheiterte. Schuld waren zwei Kräfte: erstens die Heimatfreunde, angeführt von Verkehrsmininster Adolf Ogi, der einst sagt. „Wenn ich im Ausland ein Swissair-Flugzeug sehe, fühle ich mich wie auf dem Rütli.“ Sein Verbündeter war der „Blick“, der (munitioniert von Crossair-Chef Moritz Suter) auf das Projekt schoss. Er schrieb: „Die Swissair ist bei dieser Ehe nicht die schönste Braut. Sie ist die Beute.“

  • Sagen Sie AUA oder Aiiih oder Argh oder Ita?
  • An dieser Passage gefallen mir ein paar Begriffe und Wendungen ganz ausserordentlich. Nein, ich rede nicht von dem schmerzhaften Namen östereichischen Fluggesellschaft „AUA“, die heute “Austrian” heisst. Diesen Sprachwitz versteht sowieso nur ein Leser aus dem deutschsprachigen Raum. Denn glauben Sie bloss nicht, alle Menschen dieser Welt sagen, wenn Sie plötzlich Schmerzen fühlen, „AUA“. Das ist etwas typisch Deutsches. In Frankeich und in der Westschweiz würde man „Aiihh“ sagen, was wie „EI“ klingt, in anderen Ländern sind es wiederum andere Lautfolgen. Wer kennt nicht den Schmerzensruf “arrgh“, zu lesen in jedem zweiten amerikanischen Comic?. Die Japaner hingegen rufen “Itai Ita!!” wenn sie Schmerz empfinden. Ich möchte jetzt nicht wissen, was bei denen die Lautfolge “AUA” bedeuten mag. Vielleicht: “Ich Rindvieh“? Das jedenfalls bedeutet “JA-WOHL” in den Ohren von Serben und Kroaten, wenn sie Deutsche diesen Ausruf in einem Film über den Zweiten Weltkrieg sagen hören.

  • Sind sie auch ein Heimatfreund?
  • Nein, es gefallen uns die „Heimatfreunde“, die wir so noch nicht kannten in der Schweiz. Nur dem „Heimatwerk“ sind wir schon begegnet. (vgl. Ein Stück Heimat, schon ab Werk)

    Die „Heimatfreunde“ fanden sich bei Google-CH 167 Mal, was erschreckend wenig ist im Vergleich zu den 69‘900 Heimatfreunden bei Google-DE. Ist es wohl doch eher eine Deutsche Tugend, ein Freund der Heimat zu sein? Wenn schon nix Heimatwerk in Deutschland, dann wenigstens viele Freunde?

    Laut dem Artikel im Tagi äusserte sich die Heimatfreude des Alt-Bundesrats Adolf Ogi im Satz: „Wenn ich im Ausland ein Swissair-Flugzeug sehe, fühle ich mich wie auf dem Rütli.“ Es ist still auf der Rütliwiese am Urnersee. Ausser, Sie begehen den Fehler und gehen dort am 1. August hin nachdem sie zuvor schriftlich per Antrag bestätigt haben, dass Sie keinen Unsinn anstellen werden dort. So was wie Hitlergruss zeigen oder Parolen Rumgröhlen oder Politiker ärgern. (siehe „Per Antragformular Ruhe auf dem Rütli schaffen“) Da seit den Zeiten von Adolf Ogi die Verwendung des Schweizerkreuzes orbitant zugenommen hat, müsste er sich jetzt eigentlich permanent aufs Rütli versetzt fühlen. (Siehe: Die Schweizer Flagge und der Erste Hilfe Koffer).

  • Und wem munitionieren Sie?
  • Der Blick wurde „munitioniert“ von Crossair-Chef Moritz Suter. Als „nicht an der Waffe ausgebildet“ müssen wir scharf nachdenken, um was es bei dieser Tätigkeit geht. Nein, es ist kein spezifisch schweizerischer Ausdruck, dieses “munitionieren”, auch wenn man das meinen könnte. Auch in Deutschland wird Munition angereicht, im übertragenen Sinne selbstverständlich.
    Munot in Schaffhausen
    (Quelle Foto: swisscastles.ch)
    Gewiss hat es auch nichts mit dem „Munot“ zu tun, unserer Lieblingsburg in Schaffhausen:

    Der Munot ist eine Zirkularfestung im Zentrum der schweizerischen Stadt Schaffhausen und gilt als das Wahrzeichen der Stadt. Sie wurde im 16. Jahrhundert gebaut; kurz nach der Fertigstellung gab es die ersten Zweifel, ob die Anlage dem Stand der Militärtechnik entspricht. Daher diente sie nur einmal zur Verteidigung: Im Jahre 1799 während des Rückzugs der französischen Truppen vor den Österreichern.
    (Quelle: Wikipedia)

    Moment mal, Wahrzeichen von Schaffhausen? Wir dachten, dass sei der Rheinfall! Stimmt nicht so ganz, denn der liegt in Neuhausen. Und wo liegt das? Im Kanton Schaffhausen! Also sollten wir da nicht so kleinlich sein. Wiki meint:

    Er befindet sich in der Schweiz auf dem Gebiet der Gemeinden Neuhausen am Rheinfall im Kanton Schaffhausen (rechtsufrig) und Laufen-Uhwiesen im Kanton Zürich (linksufrig), rund vier Kilometer westlich unterhalb der Stadt Schaffhausen.

    Um kommen sie nun bloss nicht auf die Idee, diese letzten vier Kilometer von Schaffhausen bis Neuhausen auf dem Rhein mit dem Schlauchboot oder schwimmend zurückzulegen, um sich den Rheinfall mal von nahen anzusehen. Sie hätten sonst gute Chance auf den nächsten Darwin Award (vgl. hier). Abgesehen davon ist es streng verboten, auf diesem Flussabschnitt mit dem Boot zu fahren oder zu baden. Unter 200 Franken Busse kommen Sie bei “fehlbarem” Verhalten nicht weg.

    Im Nachbarland geht ohne Visum gar nichts — Geschichten von der Deutsch-Schweizer Grenze (Teil 2)

    May 3rd, 2010

    (reload vom 19.01.07)

  • Als Secondo niemals über Jestetten
  • In der Schweiz hatte ich eine Kollegin, deren Eltern aus Kroatien stammten. Sie war 22 Jahre alt, in der Schweiz geboren, hatte die Primarschule und alle weiteren Schulen hier besucht, ihre Lehre hier absolviert, war aber als „Secondo“ immer noch ohne Schweizer Pass. Mit dem „-ic“ am Namen war das auch nicht leicht. Sie galt als Kroatin und hatte eine C-Bewilligung (permanter Aufenthalt).

    Wir wollten zusammen nach Schaffhausen fahren, was von Bülach aus über den „Sackstich“ Jestetten knapp 30 Minuten dauert. Das ist ein kurzes Stück Deutschland, über das sogar die SBB fährt und in dem sie sogar zwei Schweizer Bahnhöfe auf deutschem Gebiet unterhält. So kamen wir zur Grenze und wurden prompt kontrolliert. Keine Chance, die deutschen Grenzer liessen sie nicht ein- bzw. durchreisen ohne Visum für die 8 Km lange Strecke über deutsches Hoheitsgebiet. Das Visum konnte man beim Konsulat in Zürich für eine gute Gebühr bekommen. Moderner Wegezoll. Also mussten wir einen Umweg von 50 Minuten in Kauf nehmen, um ohne Stress nach Schaffhausen zu kommen. (Ergänzung: Die Rechtslage hat sich mittlerweile geändert, es geht heute einfacher).

  • Eine Russin welche die Berge liebt
  • Von einem Leser der Blogwiese erhielten wir einen ganz ähnlichen Bericht, nur aus der anderen Perspektive:

    Meine Frau ist russische Staatsbürgerin. Eines Tages fuhren wir nach Waldshut, jenen besagten Freund zu besuchen. Nun liebt meine Frau die Berge sehr, und wollte überaus gern kurz in die Schweiz, wo sie noch nie war. “Kein Problem”, sagte ich ihr, “wir sind doch in Europa, da gibt es Grenzkontrollen nur pro forma, da fahren wir einfach durch!” Sie wissen sicher, was kommt. An drei verschiedenen Grenzstellen haben wir es versucht, in Waldshut sogar zu Fuß über die Brücke - keine Chance! Der Schweizer hält seine Kantönli dicht. Besonders gefallen hat mir, dass der Grenzbeamte angesichts des auffälligen roten russischen Passes nicht sofort nach dem Visum fragte und und umdrehen ließ, sondern erst den Pass durchblätterte, um dann das Wachthäuschen aufzusuchen. Nach zehn Minuten kam er zurück und fragte dann amtlich, ob sie ein Visum habe - natürlich wusste er, dass sie keins hatte! Beim dritten Mal war ich doch sehr frustriert, und es ist gut, dass kein Schweizer je meine Meinung über ihn erfahren hat. Ich sagte dem Beamten dann im Ton größter Selbstverständlichkeit: “Aber sie hat doch ein deutsches Visum!” Der Beamte war wie getroffen, und brauchte einen Moment, den ich nutzte, um unschuldig hinzuzusetzen: “Ja, braucht man denn *dann* noch ein *eigenes* für die Schweiz?” Der Blick in das Gesicht des schweizerischen Grenzers entschädigte mich für einiges. Die deutsch-schweizerische Freundschaft hat dies leider wohl nicht besonders befördert.
    (Quelle: Private E-Mail)

  • Um 18:00 Uhr ist Feierabend am Schweizer Zoll
  • Kleiner Trost für diejenigen, die Ähnliches erlebt haben: Um Punkt 18:00 Uhr macht der Schweizer Zoll an den kleinen Grenzübergängen Feierabend. Das ist sehr unangenehm, wenn man gerade in Deutschland etwas über 300 Euro gekauft hat, sich bei den Deutschen Zöllnern die Ausfuhr für die Mehrwertsteuer-Rückerstattung bestätigen liess, und nun keinen Schweizer Zöllnern mehr findet, der einem die Einfuhr deklariert bzw. die Schweizer Mehrwertsteuer kassiert. Das erfordert anschliessend weite Weg durch Helvetien bis zum nächsten geöffnete Grenzposten, um so die in Deutschland erworbenen Waren zu amtlich eingeführter und verzollter Waren werden zu lassen. Aber wer würde da schon Zeit und Mühe scheuen, wenn es um die eigene Redlichkeit geht.